Avantasia – Moonglow VÖ: 15.02.2019, Nuclear Blast, Hard Rock/Metal

Moonglow

Avantasia wird volljährig. Mensch, wer hätte das gedacht. Als Mastermind Tobias Sammet vor mittlerweile 18 Jahren das Erstlingswerk „The Metal Opera“ schrieb, hat er wohl nicht im Traum damit gerechnet, dass Avantasia im Jahr 2018 zu den größten Acts im Heavy-Metal-Universum zählen und weltweit touren. Doch nun präsentiert uns der sympathische Rockstar das nunmehr achte Album, welches auf den illustren Namen „Moonglow“ hört.

„Moonglow“ ist die Geschichte von einem Wesen, das in der grellen Realität, in die es hineingeworfen wird, keinen Platz findet und sich in die Dunkelheit zurückzieht, um dort die Tür in eine andere Welt aufzustoßen, so Sammet selbst. Dabei handelt es sich nicht um ein Konzeptalbum, sondern um individuelle Stücke, über die aber ein Bogen gespannt werden kann. Und genauso klingt „Moonglow“ auch. Insgesamt stimmig und konsequent, aber auch vielschichtig und detailverliebt. Bereits der Opener „Ghost In The Moon“ kann mit der kompletten Palette der Avantasia-Werkzeugkiste aufwarten. Ausladende Arrangements und opernhafte Theatralik prägen den Song. Ohne Intro startet der Song direkt mit Tobias Sammets kraftvollem Gesang, der sich auch wie ein roter Faden durch den gesamten Song zieht. Der Song ist abwechslungsreich, pendelt immer wieder zwischen ruhigen und heftigeren Passagen hin und her und kommt dabei vollkommen ohne Gastsänger aus.

Von aggressiv bis zuckersüß

In eine ganz andere Kerbe und doch passend schlägt dann die rockige Nummer „Book Of Shallows“, die vor allem mit ihrem melodischen Riffing und den stampfenden Staccato-Elementen überzeugen kann. Am Gesang dürfen sich hier neben Sammet vor allem Blind Guardian-Frontmann Hansi Kürsch und Mr. Kreator Mille Petrozza austoben. Während Kürsch dem Stück eine leicht düstere Note verleiht, sorgt Petrozza mit seinem bösen Thrash-Gebelle im zweiten Teil des Songs für etwas Aggressivität. Definitiv das härteste Stück auf dem Album.

Zuckersüß und emotional wird es dann beim Titeltrack „Moonglow“, den Sammet im Duett mit der famosen Candice Night (Blackmore’s Night) singt. Der intensive Song brennt sich sofort in die Gehörgänge und die eingängige Melodie geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Abwechslungsreich, dramatisch und fast schon progressiv kommt dann „The Raven Child“ daher. Der bereits vorab veröffentlichte Track ist mit 11:15 der längste Song des Albums und zeigt Avantasia mal von einer etwas anderen Seite. Der ruhige Beginn mit seiner folkigen Gesangslinie, die von Hansi Kürsch bestens interpretiert wird und irgendwie an alte Blind Guardian-Balladen erinnert, baut sich langsam auf, um sich nach etwa drei Minuten in einem bombastischen Epos mit Chören, geilen Riffs und sackstarken mehrstimmigen Gesangspassagen zu entladen. Nach so viel musikalischer Finesse geht “Starlight” schon fast unter. Dabei ist die kurzweilige Power-Metal-Nummer durchaus gefällig und könnte auch bei Sammets Stammband Edguy funktionieren.

Gefühlvoll und drückend

In der gefühlvollen Ballade “Invincible” zeigt dann ex-Queensryche-Frontmann Geoff Tate aus welchem Holz er geschnitzt ist. Der ruhige, fast schon melancholische Beginn verleiht dem Stück von Anfang an eine enorme Tiefe und erzeugt eine erdrückende Schwere, die sich erst im darauffolgenden Stück “Alchemy” auflöst. Dieser heavy-progressive Stampfer beginnt mit geheimnisvoll klingenden Synthies, gefolgt von harten Gitarrenriffs. Dem Gesang hat man in der Folge vielleicht etwas zu viel Hall verpasst, was das Ganze etwas überproduziert wirken lässt. Ansonsten ist der Song relativ unspektakulär, kann allerdings kurz vor Ende noch mit einem tollen Gitarrensolo aufwarten.

“The Piper At The Gates Of Dawn” mündet nach seinem Synthiebeginn in eine drückende Melodic-Metal-Nummer, die sich irgendwo an der Schwelle vom Midtempo zum Uptempo ansiedelt. Mit Ronnie Atkins, Jorn Lande, Eric Martin, Bob Catley und am Ende auch noch Geoff Tate hat sich der Tobi hier mit fast allen seiner Gastsänger umgeben, was sich natürlich in Form von unglaublich schönen, detailreichen und abwechslungsreichen Gesangsparts mit viel Dramatik und Energie darstellt. Das eher an Hardrock erinnernde “Lavender” plätschert dahingehend zwar sehr melodisch, aber doch irgendwie recht gleichförmig daher. Lediglich Bob Catleys Gesangsleitung ist positiv hervorzuheben.

Der Kiske darf auch noch ran

Nun sind wir schon fast am Ende des Albums angekommen und haben Michael Kiske noch gar nicht gehört. In der Tat ist der Avantasia-Dauergast auf “Moonglow” nur in einem Stück, nämlich “Requim For A Dream”, vertreten. In der zügigen Nummer zaubert Tobias Sammet nach dem sakral klingenden Anfangschor ein paar feine Gitarrenriffs aus dem Hut, die dem Song einen treibenden Charakter mit viel Drive verleihen. Dazu kommen die Gesangslinien, die Michael Kiske wie auf den Leib geschrieben sind und von ihm mit viel Ausdruck vorgetragen werden. Insgesamt funktionieren die beiden stimmlich perfekt zusammen und lassen einen Funken früher Avantasia-Werke aufblitzen. Mit dem Michael Sembello Cover “Maniac” bleibt Sammet seiner Vorliebe für 80er Jahre Coversongs treu und setzt gemeinsam mit Eric Martin einen netten Schlusspunkt unter dieses fulminante Machwerk.

Avantasia ist erwachsen geworden

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Moonglow“ die Avantasia-Diskografie konsequent weiterführt. Mit überlangen Epen, tollem Wechselspiel zwischen ruhigen und fetzigen Parts und viel Liebe zum Detail schafft es Tobias Sammet wieder einmal, den geneigten Hörer für eine Weile in sein fantastisches Avantasia-Universum zu entführen. Dabei ist „Moonglow“ vielleicht nicht ganz so hitlastig wie der Vorgänger „Ghostlights“, wirkt dafür aber wie aus einem Guss und beweist, dass Avantasia auch ein etwas progressiverer Ansatz gut zu Gesicht steht. Vorwerfen kann man Sammet eigentlich nur seinen Perfektionismus, denn es steht wirklich jede Note genau dort, wo sie sein soll. Überraschungen sucht man vergebens. Die Produktion ist extrem fett, ja fast schon zu fett. Das etwas Naive und Raue, das Kitschige der frühen Alben sucht man auf „Moonglow“ vergeblich. Die Musik von Avantasia ist wirklich ein Stück weit erwachsen geworden.

Tracklist:

  1. Ghost In The Moon
  2. Book Of Shallows
  3. Moonglow
  4. The Raven Child
  5. Starlight
  6. Invincible
  7. Alchemy
  8. The Piper At The Gates Of Dawn
  9. Lavender
  10. Requiem For A Dream
  11. Maniac

Über Erle 147 Artikel
Bunt is das Dasein. Und Granatenstark. Volle Kanne Hoschi.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.