Deserted Fear – Dead Shores Rising

Release: 27.01.2017
Genre: Death Metal
Label: Century Media Records

Homepage:  https://www.desertedfear.de/

Die Thüringer Todesblech-Kapelle Deserted Fear hat in den letzten Jahren einigen Staub im deutschen Death Metal Underground aufgewirbelt und mit den ersten beiden Langrillen für einen ordentlichen Einschlag gesorgt. Nach dem Wechsel vom kleinen Indie Label FDA Rekotz (neuerdings bekannt als FDA Records) zur weltweit bekannten Plattenschmiede Century Media steht nun der dritte Output in den Startlöchern. „Dead Shores Rising“ heißt das Machwerk, und wir haben bereits ein Ohr riskieren dürfen. 

Schon das Cover der neuen Scheibe lässt Erinnerungen an das Debüt der Thüringer aufflackern und macht neugierig auf die neuen Kompositionen aus dem Osten der Republik. Das bekannte Motiv des gekrönten Knochenmannes hat allerdings eine kleine Wandlung hinter sich: Waren beim Erstling die Striche noch rauer, härter und ungezwungener, so ist es bei „Dead Shores Rising“ schon ein anderes Bild. Das Motiv ist feiner, abgerundeter und weicher gezeichnet, aber dennoch: Auch das aktuelle Artwork verbreitet dieses gewisse Old School Flair, das schon bei „My Empire“ von 2012 direkt ins Auge fiel. Wie macht sich diese Entwicklung über die letzten 5 Jahre nun im Sound und in den Songs bemerkbar?

Das Intro ist stimmig und ein typisches Deserted Fear Albumintro, das zu Beginn ordentlich Atmosphäre erzeugt. Allerdings ist etwas besonderes daran: Unbewusst erinnert es an 90er Jahre Blockbuster-Actionfilme der Marke „Jerry Bruckheimer“. Interessant wenn man unter diesem Gesichtspunkt einen Vergleich ziehen will: Man weiß es knallt zwar ganz ordentlich in diesen Streifen, aber vieles ist kalkuliert und es fehlt an etwas Ungestümtheit, wie man es vielleicht von B-Movies kennt. Aber man kommt gar nicht dazu, diese Gedanken weiter zu vertiefen, denn der eigentliche Opener „The Fall Of Leaden Skies“ reißt einen mit kräftig treibenden Start zurück auf den Boden der Tatsachen. Hier wird auf Anhieb in gewohnter, Thüringer Spielweise nach vorne gewalzt. So hat man sich das vorgestellt. Der typische Sound der Vorgänger wird aufgegriffen und wie auch auf diesen Alben zeichnet sich Dan Swanö verantwortlich für das Mixen und Mastern. Doch schon zum Ende des Songs macht sich ein erster Schritt raus aus bekannten Gefilden bemerkbar. So baut man hier und da eine melodischere Gitarrenlinie ein. „The Edge Of Insanity“ geht ebenfalls brachial zu Werke und lässt die ein oder andere Melodie durchschimmern. Gitarrist Fabian Hildebrandt sagte bereits in einem Interview mit einem namhaften deutschen Magazin, dass man auf dem neuen Album an beiden Schrauben, sowohl Härte und Geschwindigkeit als auch Melodie, kräftig gedreht hat und bislang kann sich das Ergebnis durchaus hören lassen, denn Death Metal und Melodie können sich in der richtigen Mischung durchaus gut ergänzen. Großtaten der 90er Jahre wie beispielsweise At The Gates‚ „Slaughter Of The Soul“, In Flames‚ „The Jester Race“ sind ein gutes Beispiel hierfür und stilprägend für ein ganzes, neu definiertes Genre gewesen. Und an die Die-Hard Old School Fanatiker da draußen: Selbst Dismember, Entombed und Pestilence haben Ihre Alben mit der richtigen Prise Melodie unsterblich gemacht. Ob es sich bei „Dead Shores Rising“ in entfernter Nähe auch mal um ein eben solch genredefinierendes Album handeln wird, sei an dieser Stelle erst einmal außen vor gelassen. Weiter geht’s mit „Open Their Gates“, zu dem die Herren jüngst ein Video veröffentlicht haben. Ob das Medium „Musikvideo“ einem zusagt oder nicht, ist natürlich jedem selbst überlassen. Mir persönlich reicht das Stück im Albumkontext, und hier ist es defintiv ein weiteres Ausrufezeichen aus dem Portfolio des sympathischen Trios. Kantiges Riffing unterlegt mit derbe treibenden Drums, mal schneller, mal etwas gezügelt, aber an keiner Stelle träge oder langatmig. Zum Ende werden erneut ein paar melodischere Riffs eingebaut und man geht über zu „Corrosion Of Souls“. Hier nimmt der Melodieanteil im Chorus etwas mehr zu. Allerdings sorgt dies dafür, dass das Organ von Fronter Mahne ausgiebig zum Tragen kommt. Und dieses Singstimmchen hat es in sich. Schon auf „My Empire“ und „Kingdom of Worms“ hat Mahne mit seiner markanten Stimme ein besonderes Alleinstellungsmerkmal beigetragen. „Corrosion of Souls“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die metallischen Spielarten häufig nicht nur durch die Instrumentalisierung definieren, sondern auch die Vocals einen erheblichen Einfluss auf die Stücke haben. Mahnes Stimme ist definitiv Death Metal, und so machen auch die etwas häufigeren Ausflüge der Gitarren in bislang eher sperrlich besuchte Melodiegefilde einiges wett. Natürlich passt seine Stimme auch zu klassischem, unverfälschtem Schwedentod. Dies haben die Berliner von Carnal Tomb vergangenes Jahr erkannt und ihn als Gastsänger auf deren Album „Rotten Remains“ ein paar Zeilen für den Song „Cycle Of Horror“ einbrüllen lassen. Das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen. Doch das Deserted Fear keine lupenreine Old School Kapelle sind, sollte man bereits seit dem Debüt wissen. Immer war ein gewisser, aktueller Einschlag in den Songs, und die Jungs machen das, worauf sie Bock haben. Eine Weiterentwicklung, wie sie auf „Dead Shores Rising“ zu hören ist, erscheint mir daher mehr als legitim. Man hat sich sogar dazu hinreißen lassen, „Corrosion of Souls“ mit einem Cello ausklingen zu lassen bevor man im „Interlude“ etwas Pause macht. Ein nettes Augenzwinkern bevor man mit „Towards Humanity“ wieder schnelles Fahrwasser erreicht und einen Song darbietet, der auch gut und gerne auf „Kingdom Of Worms“ hätte zu finden sein können. Mit nur knapp über drei Minuten eher einer der kürzeren Stücke (auf der Vinylvariante ohne die Bonus Tracks insgesamt der kürzeste), aber nichtsdestotrotz ein guter Querschnitt dessen, was den typischen Deserted Fear Track ausmacht. Das folgende „The Carnage“ wurde im Vorfeld des Releases ebenfalls auf dem YouTube Kanal von Century Media veröffentlicht und ist ein typischer Mid-Tempo-Nackenbrecher, mit ordentlich Grooveeinschlag, der zur Mitte kräftig an Tempo gewinnt und dann in einem epischen Gitarren-Zwischenspiel gipfelt. Neben dem Opener „The Fall Of Leaden Skies“ ist „The Carnage“ mein Highlight auf „Dead Shores Rising“. Ich kann es kaum erwarten, wie sich die neuen Stücke auf den kommenden Liveshows in das bisherige Set einfügen. Die Erwartung ist in jedem Fall recht hoch. Mit „Face Our Destiny“ erreichen wir den Song, der als erster Vorgeschmack im November letzten Jahres veröffentlicht wurde. Ebenfalls mit einem Musikvideo, das ich an dieser Stelle dezent außen vor lassen werde. Starker Beginn, der zum Ende leider zu sehr in langsames, melodisches Spiel verfällt. Hier ist die Waage nicht ganz ausgeglichen. Im Albumkontext funktioniert das noch ganz gut. Waren bislang auf allen Veröffentlichungen die eher filligraneren Titel im zweiten Segment der Platten angesiedelt. Ich kann die Wahl „Face Our Destiny“ als ersten Output der neuen Scheibe zu präsentieren, nicht vollständig nachvollziehen. Glücklicherweise geht es ohne weitere Umschweife mit „Til The Last Drop“ weiter. Ein etwas aggressiverer Song, der erneut schneller daher kommt und Simons Drumming effektvoll in Szene setzt. Selbst vermeintlich ruhigere Passagen werden gekonnt mit Fills und Bassdrum unterlegt. Der Rausschmeißer der Vinylversion ist „Carry On“, und glücklicherweise handelt es sich hierbei nicht um ein Cover einer gewissen True Metal Band aus den Vereinigten Staaten, sondern um den typischen, epischen Abschluss eines Deserted Fear Albums. Ganz in der Tradition von „Last Of A Fading Kind“ vom „Kingdom Of Worms“ Album wird hier langsam und ausschweifend zu Werke gegangen. Es ist nicht die Überhymne, die zum Ende der Shows das großartige „Bury Your Dead“ ersetzen wird, zumindest hoffe ich das, aber in jedem Fall bildet „Carry On“ einen sehr guten Abschluss des dritten Werks der Thüringer. Ein wenig schade ist es schon, dass die Bonus Tracks der CD-Fassung nicht zwischen die anderen Tracks gesetzt wurden. So macht das Ende von „Carry On“ auf CD nicht so viel Sinn wie die Wachsvariante. Die erste der beiden Zugaben hört auf den Titel „A Morbid Vision“ und ist, man muss es so sagen, ein bockstarkes Stück Thüringer Death Metal geworden. Mit 2:45 Minuten der kürzeste Track der CD-Version dafür aber ein fettes Brett, welches vollständig ohne melodisches Zwischenspiel auskommt und einfach steil nach vorne geht. Der zweite Bonustrack wartet dann noch mit einem besonderen Schmankerl auf: Bei „The Path Of Sorrow“ hat Mahne Unterstützung von niemand geringerem als Tomas Lindberg, seines Zeichens Sänger von At The Gates, erhalten. Ein ebenfalls äußerst kräftiger Song, der bei mir die Frage aufwirft, warum müssen das Bonus Tracks sein? Aber hierbei handelt es sich mit Sicherheit um die kleinen, aber markanten Feinheiten, die ein Wechsel zu einem Label wie Century Media mit sich bringen [*].

Wie ist also die neue Langrille aus dem Hause Deserted Fear abschließend zu bewerten? Trotz des häufigen Gebrauchs des Wortes „melodisch“ in den oberen Zeilen, sollte man sich davon nicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Die Jungs haben erneut ein ordentliches Death Metal Brett gezimmert, welches sich nicht hinter seinen Vorgängern verstecken muss. Hier und da erkennt man eine Entwicklung im Songwriting, bei der hartnäckige Alte-Schule-Verfechter, die vielleicht noch Gefallen an den ersten beiden Alben gefunden haben, das Interesse an der Band verlieren. Aber wir haben halt nicht mehr 1992 und die großen Klassiker, denen man auf „Dead Shores Rising“ als auch auf „My Empire“ und „Kingdom Of Worms“ zwischen den Noten deutlich huldigt, sind immer noch da. Ich halte das dritte Werk der Thüringer für ein sehr gelungenes Ergebnis einer stetigen Entwicklung und einen weiteren Meilenstein auf dem Weg, den die Band seit ihrer Gründung eingeschlagen hat und den ich zu einem gewissen Teil aus erster Reihe verfolgen darf. Der stellenweise verwendete Begriff des „Make-It-Or-Break-It“-Albums ist für mich an dieser Stelle durchaus als „Make It“ zu verstehen, und ich bin auf jeden Fall gespannt, was die Zukunft für die sympathischen Jungs zu bieten hat.

Trackliste:

  1. Intro
  2. The Fall Of Leaden Skies
  3. The Edge Of Insanity
  4. Open Their Gates
  5. Corrosion Of Souls
  6. Interlude
  7. Towards Humanity
  8. The Carnage
  9. Face Our Destiny
  10. Till The Last Drop
  11. Carry On
  12. A Morbid Vision (Bonus Track)
  13. A Path Of Sorrow (Bonus Track)

[*]: Anmerkung d. Red.: Kaum war das Review online, da bekam ich eine Nachricht von der Band selbst, in der die Frage nach den Bonustracks beantwortet wurde: Bei den beiden Bonustracks handelt es sich um alte Deserted Fear Songs, die es bislang auf kein Album geschafft haben. Bei einer Recordingsession, nachdem „Dead Shores Rising“ bereits fertig gestellt war, wurden die Songs erneut aufgenommen und es passte. Century Media hat dann die Möglichkeit eröffnet, diese Songs als Bonustracks zu veröffentlichen und diese mit dem oben genannten Gastauftritt zu verfeinern.

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