Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert Interview mit Hermann Ostfront der Band Ost+Front zum zehnjährigen Bandjubiläum

Ihr Aussehen zeigt schon, dass man es nicht mit irgendeiner Band der Neuen Deutschen Härte zu tun hat. Nein, die Berliner von Ost+Front sind die so ziemlich kontroverseste Band des Genres, die mir bekannt ist. Dieses Jahr ist nicht nur Release ihres neuen Albums „Adrenalin“, sondern auch ihr zehnjähriges Bandjubiläum. Aus diesem Anlass hat uns Sänger Hermann Ostfront ein paar Fragen beantwortet.

 

HSF: Hallo Hermann, vielen Dank, dass Du dir die Zeit genommen hast, mir ein paar Fragen zu beantworten.  Nicht nur euer neues Werk „Adrenalin“ hat jetzt bald Release, sondern ihr feiert auch zehnjähriges Bandjubiläum. Welche Höhen und Tiefen gab es in eurer Geschichte?

Hermann: Oh da gab es schon eine Menge Höhen und Tiefen. Veranstalter, die mit der Kohle durchgebrannt sind oder Mitmusiker die sich plötzlich als Rockstars aufgeführt haben. Kommen wir nun zu den Tiefen. Nein Spaß. Es gab auch viele schöne Erlebnisse. Zum Beispiel gut ausgeschlafen beim Greenfield Festival in der Schweiz vor einem vollen Platz zu spielen. Die Berge im Hintergrund, feinstes Wetter und viele wunderbare Menschen. Das prägt sich ein. Ganz toll ist auch immer wieder das M’era Luna. Diese ganzen verrückten Gestalten mit ihren liebevoll gestalteten Outfits, Das ist auch jedes Mal großartig.

 

HSF: Mit eurem Auftreten verkörpert ihr Kunstgestalten, wie Eva Edelweiß, Wilhelm Rotlauf oder Fritz Knacker – um einige Bespiele zu nennen. Sind es lediglich Kunstfiguren oder haben sie zu euch einen persönlichen Bezug? Haben sie eventuell auch ihre ganz eigene Charakteristik?

Hermann: Da kann ich jetzt nur für mich sprechen. Wenn das Intro läuft verwandle ich mich in eine andere Person. Herrmann ist nicht nur eine Rolle sondern wie etwas, das in mir schlummert und das ich auf der Bühne auslebe. Nach der Show ist er zum Glück wieder weg.

 

HSF: Mittlerweile habt ihr schon einige Songs wie „Gang Bang“, „Bitte Schlag Mich“ oder „Disco Bukakke“ vom neuen Album geschrieben. Ist das für euch reiner Backstage-Alltag oder wie kommen solche Titel zustande?

Hermann: In Neukölln, wo ich aufgewachsen bin, war es früher einfach zu gefährlich um nach der Schule draußen spielen zu gehen und so habe ich den ganzen Tag Pornos geguckt. Das prägt einen über die Jahre schon ziemlich. Jetzt ist der Bezirk ja friedlich und hip. Aber aus so einem Bezirk kommen dann auch nur Texte über Bio-Supermärkte und Männer mit schicken Frisuren und Vollbärten.

 

HSF: Zur neuen Scheibe „Adrenalin“ kommt auch eure CD „Live in Moskau“ heraus, die unter anderem auch in einer Deluxe-Edition zu erwerben ist. Was war das Besondere an eurer Russland-Tour?

Hermann: Es war eigentlich wie immer. Absolut großartig! Russland ist für mich wie eine zweite Heimat um etwas zu übertreiben. Ich bin dort unheimlich gerne.

 

HSF: Gibt es eigentlich einen Unterschied zu den deutschen Fans? Wird eure Musik im Ausland also anders zelebriert?

Hermann: Da gibt es schon innerhalb von Deutschland große Unterschiede. In Norddeutschland zum Beispiel sind die Leute anfänglich etwas verhalten und cool. Zum Ende der Show brennt die Hütte. So ist es auch in St. Petersburg. In Moskau dagegen drehen alle vom ersten Song an komplett durch. Beides super.


HSF
: Jetzt möchte ich noch ganz gerne etwas über euer neues Album sprechen. Wie schon vorhin erwähnt, heißt die Scheibe „Adrenalin“. Was hat euch zu dem Titel inspiriert?

Hermann: Ich leide immer wieder mal unter teilweise recht starken Depressionen. Das perfekte Gegengift ist das Adrenalin von den Konzerten. Das ist wie ein Wundermittel.


HSF
: Was unterscheidet deiner Meinung nach „Adrenalin“ von euren früheren Werken?

Hermann: „Adrenalin“ wurde nicht wie bisher in Berlin gemischt und gemastert, sondern in den schwedischen Fascination Street Studios, wo schon viele fantastische Alben von Bands wie Amon Amarth, Arch Enemy, At The Gates oder Soilwork entstanden sind. Das Album ist wesentlich fetter, um es mal so salopp auszudrücken. Das soll nicht bedeuten, dass mir die alten Alben nicht mehr gefallen. Dort lag der Fokus mehr auf den vielen Details in der Komposition. Nun hört man nicht mehr jede Geige einzeln raus, sondern es ist alles extrem brachial.


HSF
: Gehen wir nun mal auf ein paar Songs von euch im Konkreten ein, wenn es Ok ist. Der erste Song, bei dem ich textlich etwas stutzig wurde, war „USA“ – Mit den ersten Worten „Make America Great Again“ und seinem Refrain, in dem es ja heißt „USA über alles“, kann man schon sagen, dass der Titel gegen unseren amerikanischen Präsidenten geht – Wie politisch ist der Titel gemeint?

Hermann: Nein, nein das ist nur so ein Lied. Trump ist doch super… Nicht!!!


HSF
: Die erste Singleauskopplung „Arm Und Reich“ hat schon mit seinem Video etwas verstört. Doch darum geht es nicht. In dem Titel singt ihr darüber, dass Reiche ihren Verdienst oft einfach erben und Arme meist in die Röhre schauen. Wollt ihr damit bewusst Gesellschaftskritik üben?

Hermann: Viele meiner Texte kritisieren die Gesellschaft. Und so ist es auch bei „Arm und Reich“. Es gibt nicht nur links und rechts. Es gibt auch oben und unten.


HSF
: Mit „10 Jahre Ostfront“ habt ihr euch selbst eine Hymne geschrieben, in der ihr euch selbst lobt. Ist der Titel bewusst in einigen Passagen so Dekadent geworden –  Was ja doch gut zu eurem Image passt?

Hermann: Das waren 10 harte Jahre. Man hat uns Steine in den Weg gelegt, wo es nur ging und wir haben uns weiter durchgebissen. Beim ersten Album war ich komplett pleite. Ich bin jeden Tag 1 1/2 Stunden zum Studio gelaufen und hinterher wieder zurück, weil ich mir kein Ticket leisten konnte. Mein Budget pro Tag war ein Euro. Das bedeutet Leitungswasser und 2 Yum Yum Nudelsuppen pro Tag. Es ging immer weiter. Immer ein Stück bergauf. Und auf das, was wir in den 10 Jahren geschafft haben, sind wir mit Recht stolz. Immer mit derselben Attitüde: „Fick Dich… Wir sind Ost+Front„!


HSF
: Was mich persönlich interessiert: Wenn man zwischen den Zeilen liest, habt ihr mit „Edelweiß“ eigentlich auch eine Hymne für eure Keyboarderin  Eva Edelweiß geschrieben? So ganz klar wird es mir aus dem Text nicht bewusst.

Hermann: Es geht dabei auch nicht um Eva sondern um die Edelweißpiraten. Guck mal bei Google nach. Das ist ein bewegendes Thema. Eva ist auch danach benannt.


HSF
: Die Idee zu „Du Gehst Mir Unter Die Haut“ fand ich sehr interessant. Ein Lied über Tätowierungen und deren Geschichten, aber auch gleichzeitig zu sagen  man sei ein „Kultprodukt“. Wie weit denkt ihr ist es Kult, Farbe auf der Haut zu tragen?

Hermann: Ich bin ein großer Fan von Tattoos, habe jedoch selbst keine. Das liegt daran, dass sich mein Geschmack zu schnell ändert. In den 90ern war ich versucht mich komplett zuhacken zu lassen. Dann wäre ich jetzt so ein richtiger Tribal Ronny. Ich finde es faszinierend, wenn jemand seine Haut immer weiter um eine Geschichte seines Lebens erweitert. Und irgendwann ist es dann ein Gesamtwerk. Ein Kultprodukt.


HSF
: Bei „Ich Will Alles“ ist es mir besonders aufgefallen, dass ihr auch gerne mal musikalische Untermalungen aus anderen Musikgenres nehmt – so hat der letzte Teil des Songs leicht Techno-Attitüde (hat mich gar etwas an Scooter erinnert). Wie dient so etwas eurer Musik?

Hermann: Ja, das sind die Vorzüge meiner Musik. Ich kann eigentlich machen was ich will. Anfang der 90er war ich an der holländischen Gabber-Szene genau so interessiert, wie an der englischen Grindcore-Szene. Das war wirklich extrem. Und „Ich will alles“ ist mein Tribut an Leute wie Dj Gizmo oder Buzz Fuzz. Das Thema „Drogen“ passt textlich wunderbar dazu. Und eine Prise Scooter hat noch keinem geschadet.


HSF
: Zehn Jahre gibt es jetzt schon Ost+Front. Was haben wir in den nächsten zehn Jahren zu erwarten?

Hermann: Das kann niemand sagen. Ich bete ja jeden Tag, dass mir nicht der Himmel auf den Kopf fällt. Aber Spaß beiseite. Ich hoffe sehr, dass Ost+Front  weiter und weiter gedeiht. Es sieht alles sehr gut aus.


HSF:
Danke, das war es von meiner Seite aus. Liegt dir noch was auf den Herzen, was du unseren Lesern sagen möchtest?

Hermann: Leute dort draußen in der Welt! Kauft das neue Album von Ost+Front mit dem Titel „Adrenalin“! Es ist ein sehr gutes Album! Vielen Dank!

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