Ost+Front – Adrenalin VÖ: 16.02.17, Out Of Line, Neue Deutsche Härte

Ost+Front

Die Kontroverse der Neuen Deutschen Härte ist zurück. Ost+Front aus Berlin sind seit zehn Jahren unterwegs und haben auf ihrem Weg so manche Münder zum Staunen, aber auch so manche Köpfe zum Schütteln gebracht. Mit Maskierung und dubiosen Bühnenauftritten polarisierten sie mehrfach die Mengen. So wird nicht an Kunstblut gespart, mit Rollatoren und dekadenten Sprüchen über die Bühnen der Festivals gefahren oder gar Schnaps aus Blutkonserven an die Menge verteilt. Nun genug der Hochlobungen, denn das vierte Album der abscheulichen Herren wartet und zeigt unter dem Namen „Adrenalin“ ganz gewiss wieder den Mittelfinger.

Und mit dem Namensgeber geht’s volle Kraft voraus. Klingt es zwar beim ersten Hören fast eins zu eins wie Rammstein, so ist es beim zweiten Hinhören doch deutlich besser und weniger abgedroschen. „Adrenalin“ überzeugt mit seinen fetzigen Gitarren und sanftem Elektrosound, dringt direkt in dein Ohr. Man spürt, wie der Adrenalinspiegel steigt und steigt und steigt. Da will man die überschüssige Energie gerne loswerden, und dafür gibt es zum Glück direkt die Schlachthymne „Heavy Metal“. Der eingängige Keyboardsound bleibt im Ohr und die Hymne zeigt sich nicht nur episch, sondern lädt zur Party ein. Hier darf jeder Mitsingen und der Beat lädt zum Pogen ein.

Jetzt kommen wir zu einem Stück, das sich gerne in die frühen Werke der Berliner einreihen darf, denn „Disco Bukkake“ (man merkt es schon am Titel) geht wieder auf den Weg menschlicher Perversion. Dafür haben wir einen richtig genialen Refrain, nein, genialen Track bekommen. Abgrundtief böse und etwas pervers, dafür aber ein eingängiger Refrain, der gleich beim zweiten Hören mitgesungen werden darf und zur Musik: Hier muss man einfach das Tanzbein schwingen bei diesem klasse Discobeat. Leider folgt nach dem Vergnügen auch wieder etwas Ernsteres. Schon der Beginn von „USA“ mit dem Slogan des geliebten Präsidenten „Make America Great Again“ lässt darauf schließen, dass der Titel nichts Gutes hoffen lässt, ist aber dafür auch ein starkes Statement gegen den Rechtspopulismus. Musikalisch ist der Track etwas metallischer und düsterer. Eine gute Anknüpfung an das noch düstere Werk „Puppenjunge“. Hier ist Sense mit der lustigen Discomusik, dafür wird’s richtig fies und gemein – kompromissloser Ost+Front-Sound erfreut das Herz, dazu wieder ein hymnischer Refrain, der inhaltlich schön grotesk und böse ist – ein richtig gutes Werk!

Nun bricht sich der Nacken quasi von selbst. „Blattzeit“ ist weniger hymnisch und weniger melodisch, dafür aber Vollgas und Kapelle. Der Elektrobeat drückt sich zwischen die wetzenden Gitarren. Alles wird zu Boden geschlagen. Brutal und gefährlich findet der Track dann leider sein Ende. Doch die Jungs machen es wieder gut, denn auch „Arm Und Reich“ zeigt sich von einer brutalen Seite und haut einem mittels lyrischer Ohrfeige die Realität ins Gesicht. Vielleicht sollte man den Track, der es wirklich wert ist, ordentlich gefeiert zu werden, aber auch mal reflektieren, denn hinter dem Krawallsound steht deutlich mehr. Nun, genug davon. Bei „Böses Mädchen“ war ich etwas überrascht, so kommt der elektrische Klang doch mit leichten Swing-Einflüssen daher. Der Titel über eine Domina geht direkt ins Blut, wirkt aber an einigen Stellen zu sehr nach Rammstein. Aber nicht nach dem Motto, sie hätten etwas kopiert, nein vielmehr so, dass der gute Till wohl eher traurig sein dürfte, dass er nicht die Idee für das Stück hatte.

So dekadent wie das klingt, sind wir auch schon bei der ausschweifenden Hymne „10 Jahre Ost+Front“ in der, wie man es wohl am Titel hört, Ost+Front eine Lobeshymne auf sich selbst präsentiert. Musikalisch zeigen sie sich von der besten Seite und halten allen Neidern eindeutig den Mittelfinger in die hässliche Visage. Da wir schon bei Lobeshymnen sind, so scheint mir der zehnte Track der Platte auch eine Art Lobeshymne auf die abscheuliche Keyboarderin Eva Edelweiss (die im Übrigen von einem Mann dargestellt wird), oder vielmehr geht es hierbei um die sogenannten Edelweisspiraten. Doch der Titel „Edelweiss“ schafft so die goldene Mitte zwischen hartem Sound und klassischen Elektrobeats.

Erst etwas depressiv und melancholisch, im Refrain dann aber freudig, hoffnungsvoll, sind wohl die besten Worte für „Hans Guck In Die Luft“. Der Refrain bleibt sofort im Ohr und ein Gefühl von Freiheit macht sich breit. Eindeutig eines der starken Stücke des Albums. Dann wird es wieder hymnischer. „Du Gehst Mir Unter Die Haut“ erzählt bereits erlebte Geschichten und dazugehörige Tätowierungen. Was so ein bisschen komisch klingt, funktioniert aber prächtig. So wird es dennoch Zeit für Düsternis, und der Psychofaktor ist ganz oben. Um „Alte Liebe“ am besten zu beschreiben, könnte man sagen, der Song entsteht, wenn man den Titel „Gang Bang“ aus dem Debütalbum „Ave Maria“ mit „Kaltes Herz“ aus dem Folgealbum „Olympia“ kreuzt.

Nun warten nur noch vier Tracks auf uns. Allerdings sind diese nur auf der Digipack-Version zu finden. Den Anfang macht „Ich Will Alles“, beginnend mit leichtem Akkordeon, doch geht es dann in brachialen Metal über und zeigt sich hinterher auf einer Ebene, die schon fast Techno-gleich sein könnte, quasi Scooter trifft auf Neue Deutsche Härte. Aber gerade das macht den Track so genial und hebt den Partyfaktor nach ganz oben. Nun muss ich aber doch etwas meckern, denn „Bluthund“ gibt mir so ziemlich gar nichts. Der Titel selbst wirkt wie eine reine Elektronummer, aber so ein richtiger Höhepunkt bleibt aus. Umso genialer ist das folgende Werk „Rosenkavalier“. Sind die Strophen im Vergleich zu den restlichen Liedern relativ langsam, so holen die Berliner im Refrain deutlich mehr raus, denn der bleibt sowas von im Ohr. Nicht nur das musikalische Arrangement, sondern auch die textliche Finesse überzeugen auf gerader Linie. Da bleibt nicht mehr viel zu sagen, außer dass „Willenskraft“ den Auszug gebührend einleitet und nochmal eine ordentliche Midtempo-Nummer abgibt.

Kompromisslos, brutal, hart aber auch gern zu Neuem bereit, so zeigt sich das vierte Album der Berliner. Hermann Ostfront und seine abscheulichen Konsorten haben wieder ein Stück Kunst geschaffen, das nicht nur im Ohr bleibt, sondern sich auch wieder mal gekonnt mit der menschlichen Psyche auseinander setzt. Leider fehlt ein wenig der Psychofaktor, wie noch auf den Vorgängeralben erkennbar. Doch das schadet kein bisschen, denn für mich ist das Album mehr als gelungen. Auf die nächsten zehn Jahre mit Ost+Front – und auf dass sie niemals von ihrem Weg abweichen mögen!

Homepage: https://ostfront.de/

Tracklist:

CD1:

  1. Adrenalin
  2. Heavy Metal
  3. Disco Bukkake
  4. USA
  5. Puppenjunge
  6. Blattzeit
  7. Arm und Reich
  8. Böses Mädchen
  9. 10 Jahre OST+FRONT
  10. Edelweiß
  11. Hans Guck In Die Luft
  12. Du Gehst Mir Unter Die Haut
  13. Alte Liebe

CD2:

  1. Ich Will Alles
  2. Bluthund
  3. Rosenkavalier
  4. Willenskraft

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