Festivalbericht Rock am Härtsfeldsee 2018 29.-30.06.2018, Dischingen

Rock am Härtsfeldsee 2018

Das Rock am Härtsfeldsee ist ein kleines aber feines Festival am Rande der bayrischen Landesgrenze. Das Druckluftzelt ist immer noch ein Geheimtipp, und das Festival öffnet dieses Jahr zum 22. Mal mit dem stärksten Line-up seit langem seine Tore.

Nach einigen Ankunftsbierchen schlage ich pünktlich zur ersten Band dann auch auf dem Gelände auf.

Freitag

Xplict sind eine junge Band deren Mischung aus Metalcore und Modern Metal besteht. Sie sind zwar ein guter Opener und das vor allem für das jüngere Publikum. Mir sagt sie jedoch nicht wirklich zu, weshalb ich die meiste Zeit außerhalb des Zeltes, welches das gesamte Infield abdeckt, auf dem Metalmarkt und am Merchstand verbringe. Der Met läuft übrigens auch gut rein.

Grizzly spielen in einer ähnlichen Kategorie wie die zuvor eröffnenden Xplict. Zwar sind ihre nerdigen Anspielungen ganz witzig, so basiert einer ihrer Songs auf dem Super-Mario-Thema der alten SNES Konsole, aber wirklich hängen bleibt hier bei mir wenig. Mit zwei Frontmännern teilen sie sich den Gesang auf, wobei der langhaarige von den beiden besonders ins Auge sticht. Mit seinen kurzen Jeansshorts, die schon an der Grenze zu Hotpants wandern und den weißen hochgezogenen Sportsocken sieht er aus wie eine Kollision aus Suicidal Tendencies und Turbonegro.

Dann wird es zum ersten Mal voll vor der Bühne und das ausgerechnet bei der einzigen Band, die kein Rock/Metal spielt.

Mr. Hurley & die Pulveraffen aus dem „karibischen“ Osnabrück entern im wahrsten Sinne die Bühne. Das Piratenimage ist vielleicht nichts Neues, aber unterhaltsam sind sie auf jeden Fall. Mit „Tortuga“ wird die Seemanssause eröffnet und man klamaukt sich durch allerhand Seemannsgarn. Dass ich als Osnabrücker jedoch 500 km fahren muss, um diese Band live zu sehen, ist wohl der beste Witz des Tages.

Für die Gothic-Fraktion wird es jetzt zappenduster. Lord Of The Lost sind mir bisher gerade mal vom Namen ein Begriff gewesen. Leider können sie mich mit ihrem Gothic Rock auch nicht wirklich begeistern. Ziemlich eintönig und ohne jeglichen Wiedererkennungswert zieht die Show an mir vorbei, die ich mir im hinteren Teil vom Bierwagen aus ansehe. Doch ich scheine nicht der Einzige zu sein, dem das nicht so recht gefallen will. Einige Fans ziehen sich auch ab der Mitte des Sets zurück und einigen Wenigen entnimmt man, dass das die wohl schwächste Show von Lord Of The Lost war.

Iced Earth sind dann das erste große Highlight des Abends, nur leider nicht für mich. Auch wenn ich jetzt wohl arge Kritik meiner Mitreisenden dafür kassieren werde, fand ich den Set der ansonsten so starken Amis einfach nur öde. Für den matschigen Sound vor der Bühne kann man der Band zwar nicht die Schuld geben, aber dass auf einem Festival bei einem Co-Headliner-Slot mehr als die Hälfte des Sets aus den Songs des aktuellen Albums besteht, kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Zwar gilt „Incorruptible“ als das bisher stärkste Album der Stu-Block-Phase, aber gerade auf so einem Festival wollen die Leute doch die Klassiker hören. Songs wie „A Question Of Heaven“, „Dracula“ oder „I Died For You“ werden komplett ignoriert. Mit „Dystopia“ wird gerade mal einer der Stu-Block-Klassiker gespielt und das abschließende und dem verstorbenen Ex-Pantera/Hellyeah-Schagzeuger Vinnie Paul gewidmete „Watching Over Me“ bleibt der einzige Song aus der Matt-Barlow-Ära. Auch wenn einige hier vom stärksten Auftritt sprechen, ist meine Meinung dazu: Das kann man besser machen.

Wie es besser geht, zeigen dann im Anschluss Testament. Der Bay-Area-Fünfer zertrümmert von Beginn an das Zelt. Die beiden Dämonenfratzen, die die Bühne flankieren, erinnern zwar ein wenig an das Black-Metal-Abrisskommando Venom, aber dies wirkt dann mit dem vielen Bühnennebel doch sehr stimmungsvoll. Mit „Into The Pit“ wird dann selbiger eröffnet und während sich die Massen im Kreis drehen, randaliert Chuck Billy souverän über die Bühne. „More Than Meets The Eyes“ setzt den nächsten Höhepunkt des Gigs. Kleine Randnotiz: Chuck Billys Mikrohalterung kann jetzt sogar leuchten. Alles in allem ein guter Abschluss des ersten Tages.

Samstag

Der Samstag beginnt genau, wie der Freitag mit Musik für die Tunnel-im-Ohr-Fraktion. Tenside spielen bereits zum zweiten Mal hier. Auch für mich geht es los wie am Vortag, und ich schaue mich auf dem Metalmarkt um. Die Band höre ich nur nebenbei, da mich Metalcore nur mäßig reizt. Aber wer drauf steht, hat bestimmt seinen Spaß.

Ein frühes Highlight setzen die österreichischen Punks und Gründer der Bierpartei Österreich (Nachzulesen im österreichischen Parteienverzeichnis) von Turbobier aus Wien-Simmering. Zwar ist es als hochdeutsch sprechender Mensch manchmal recht schwierig, dem österreichischen Akzent etwas Verständliches abzugewinnen, aber das Wichtigste versteht man. So fordern sie im Rahmen ihres Parteiprogramms unter anderem „Volle Krüge Statt Lohnabzüge“. Mit ihrem auf dem Helene Fischer Song „Atemlos“ basierenden Song „Arbeitslos“  sorgen sie zwar für mächtig Stimmung, es zeigt aber auch leider, dass die deutsch-ukrainische Terrorzelle schon bis nach Wien vorgestoßen ist. Dennoch sorgen  Turbobier für reichlich Bierverkauf an der Theke. Apropos Bier, mit dem Stück „Fuaßboiplotz“ (Ja das schreibt man wirklich so) zementieren sie die eh schon bekannte Regel, dass Fußball ohne Bier mal so gar nicht geht.

Annisokay klingen zwar japanisch, sind aber eine weitere deutsche Metalcore-Band, die ich mir bequem im Sitzen auf dem Außenareal entgehen lasse. Das, was ich davon höre, klingt nicht sehr außergewöhnlich. Fans scheint die Band aber trotzdem viele zu haben.

Bay Area, die zweite. Death Angel, die auf der Facebook-Seite des Festivals als Metallicas kleine Brüder angekündigt wurden, locken das Publikum vor die Bühne. Also Jacken an, es wird thrashig. Was die Jungs hier abliefern, ist Fanservice der ersten Klasse. Besonders die Klassiker jüngeren Datums, wie etwa „The Dream Has Called For Blood“, werden hier rausgeballert wie ein MG 42 seine Munition. Das Auditorium dankt es mit Moshpits, und die Jungs liefern nach. „Dethroned“ – muss man mehr sagen? Auch die aktuelle Scheibe wird mit dem genialen „Lost“ bedacht, was zu Gänsehaut im gesamten Zelt führt. Es ist bemerkenswert, wie diese Jungs und ihre Musik im Gegensatz zu manch anderen alten Helden in Würde gealtert sind.

Betontod haben heute den Slot des Co-Headliners inne, und das machen sie auch verdammt gut.  Als eines der ältesten deutschen Punkschlachtschiffe wissen sie, wie man die Menge in Bewegung setzt. „Traum Von Freiheit“ sorgt für Kollektivanarchie im Moshpit und wer heute noch ernsthaft vorhatte, Auto zu fahren, dem wird spätestens bei „Wir Müssen Aufhören Weniger Zu Trinken“ klar, dass das ’ne Scheißidee war. Einziger Wermutstropfen: Die Band hat keinen Merch dabei, da sich wohl niemand bereit erklärt hat, dieses zu verkaufen. Schade.

Die Solinger Stahlschmiede mit Wohnsitz in Nashville, Accept, steht nun unter Zugzwang. Nach zwei genialen Bands direkt hintereinander müssen sie als Headliner jetzt liefern. Tun sie auch und zwar souverän. Mark Tornillo, der für mich immer aussehen wird wie der verschollene Zwilling von Ralf Richter, ist bestens bei Stimme. Neben zahlreichen Standards und Klassikern wird aber auch das neueste Werk „The Rise Of Chaos“ mit einigen Songs bedacht. Zum Beispiel mit der selbstironischen Nummer „Analog Man“. Natürlich  gehört das Abschlussdrittel den unsterblichen Klassikern, wie „Princess Of The Dawn“, „Metal Heart“ und natürlich dem lauthals mit gegröltem Heidi Heidi Heida „Fast As A Shark“. Super Abschluss eines gemütlichen Festivals, das es hoffentlich noch weitere Jahre geben wird.

Fazit: Das Rock am Härtsfeldsee bietet viel für kleines Geld. Da es in einem Zelt veranstaltet wird, ist es größtenteils wetterresistent, mal von einigen schweren Stürmen der letzten Jahre abgesehen. Die Getränkepreise sind ok, und als kleiner Fanservice wird die Running Order auf den Becher gedruckt, was diese zu einem begehrten Sammelstück macht. Auch das Merch – Festivalshirts gibts für 15€ – ist fair. Das einzige Manko, was mich seit Jahren stört, dass auf einem eindeutig als Metal- und Rockfestival ausgeschriebenen Festival etwaige Accessoires wie Nietenarmbänder und Patronengurte verboten sind. Das Ganze ist zwar nichts Neues und andere Festivals machen dies auch unter dem Aspekt der Sicherheit. Dass man dann aber fünf Meter hinter der Eingangskontrolle genau diese Gegenstände wieder kaufen kann, führt das ganze System ad absurdum, und man fühlt sich als Fan ein wenig verarscht. Bitte nachbessern.

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