Festivalbericht Wacken Open Air 2018 02.08.-04.08.2018, Wacken Holy Ground

Wacken Open Air

Aber scheiß drauf, Wacken ist nur einmal im Jahr. Unter diesem Motto machten sich am ersten Augustwochenende wieder zehntausende Metaller in die norddeutsche Tiefebene auf, um ein paar Tage dem Alltag zu entfliehen und auf dem Holy Ground eine mehr als amtliche Metalparty zu veranstalten. Dabei hieß es zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder ausschließlich „Shine“ und nicht „Rain“. Dabei wäre dem ein oder anderen ein kleines Schauer zwischendurch zur Abkühlung sehr lieb gewesen. Vereinzelt wunderte man sich gar über das gänzliche Fehlen des Schlamms. Aber auch bei Temperaturen wie in der Sahara wurde auf den staubtrockenen Feldern wieder kräftig gemosht, gesprungen und gefeiert.

Mittwoch

Nachdem sich die Anreise der meisten Besucher im Laufe der Jahre mittlerweile auf den Montag und Dienstag verlagert hat, ist der Wacken-Mittwoch traditionell der Tag der kleinen Bühnen und des Metal Battle. Junge Musiker aus 28 Nationen kämpfen dabei im musikalischen Wettstreit um die „Nachwuchs“-Krone im metallischen Paralleluniversum. Natürlich schauen wir da mal vorbei und machen uns auf den Weg in das, in diesem Jahr nochmals vergrößerte, Bullhead-Zelt, in dem das Metal Battle stattfindet. Auf der W.E.T Stage liefern gerade An Theos aus Rumänien eine coole Show ab. Mit ihrem epischen Folk Metal kommt die Truppe gut an und macht ordentlich Stimmung. Gerade die Mischung aus weiblichem Klargesang und männlichem Gutturalgesang sorgen für Abwechslung. Dabei versäumt es die Band nicht, das Publikum immer wieder zum Mitmachen zu animieren. Das gelingt ihnen schon fast so gut, wie den Großen. Für ihre engagierte Show werden An Theos am Ende mit dem dritten Platz belohnt.

Auch auf dem Wackinger, dem Mittelaltermarkt, ist bereits gut was los. Während auf dem Gelände diverse Gruppen für Unterhaltung sorgen, genießen die meisten Besucher das wirklich vorzügliche Essen. Ob nun Zyklopenspieß, Bratkartoffeln oder Baguette und Brot, hier ist wirklich für jeden was dabei. Und dabei kann man sein Mahl hervorragend mit einem Horn voll Met herunterspülen. So lässt es sich ganz gut aushalten, als gegen Abend Vogelfrey die Wackinger Stage entern. Bis weit hinter den FOH-Turm ist das Gelände gefüllt und die Stimmung ist von Anfang an prächtig. Leider ist weiter hinten am Metschiff nur der Bass zu hören, vom Rest des Sounds bekommt man hier relativ wenig mit. Nichtsdestotrotz eine sehr schöne Eröffnung des diesjährigen Festivals.

 

Donnerstag

Am Donnerstag beginnt das Festival dann so richtig. Endlich ist das gesamte Infield für die Besucher geöffnet, und endlich beginnt das Programm auf den großen Bühnen „Faster“, „Harder“ und „Louder“. Bevor wir uns jedoch den drei großen Bühnen widmen, schauen wir noch einmal auf dem Wackinger vorbei, wo die Jungs von Ingrimm für ordentlich Stimmung sorgen. Bei heftigem Sonnenschein und Gassenhauern wie „Die Pest“, „Teufelsweib“ oder „Stein Auf Stein“ geht es vor der Bühne ordentlich ab. Spätestens als Sänger René fragt, ob die Fans Bock auf ein altes nordischen Sauflied haben, sind alle begeistert. Und so wird die „Skudrinka“ springend und klatschend abgefeiert. Ein stimmiger Auftritt, auch wenn ich mich, gerade bei den alten Stücken, wohl nie so richtig an den Gesang von René gewöhnen werde. Dafür war der Fenris in seinem Gesang einfach zu einprägsam.

Doch kommen wir nun zum Geschehen auf dem Infield, dem wahren Holy Ground. Vor der Louder Stage füllt es sich zusehends und die Leute fiebern dem Gig von Oomph entgegen. Nachdem die Band in den letzten Jahren einige merkwüdige musikalische Wendungen durchlebt hat, konnten Dero und Co. in jüngster Zeit wieder an ihre alte Stärke anknüpfen. So auch heute. Schon das Anfangsdoppelpack aus „Weißes Licht“ und „Gott ist ein Popstar“ kommt bestens an. Auch wenn es vielleicht etwas lauter sein könnte, ist der Sound insgesamt sehr ordentlich. Auch die Band ist bestens aufgelegt und zeigt eine geile Vorstellung. Vor allem die Setlist kann sich sehen lassen. Ganz besonders für Fans der frühen Stunde wird einiges geboten. Sogar der erste Oomph Song „Der neue Gott“ wird dargeboten. Hierfür nimmt Sänger Dero auch schon mal die Drumsticks in die Hand und sorgt auf der am Bühnenrand aufgestellten Tom für den richtigen Rhythmus. Bei „Mitten Ins Herz“ ruft der charismatische Sänger zum Moshpit auf und singt ganz unverhohlen den Soundgarden Song „Black Hole Sun“, bevor es im Pit so richtig los geht. Zum Ende geht es bei den Mitsingklassikern „Labyrinth“ und dem obligatorischen „Augen Auf“ noch einmal hoch her, bis das Outro „Easy“ von Faith No More für Entspannung vor der Bühne sorgt. Ein richtig guter Gig.

Es ist fast schon eine Frechheit, dass Behemoth dann schon auf der Harder Stage dran sind. Black Metal bei strahlendem Sonnenschein und mehr als dreißig Grad passt irgendwie nicht zusammen. Ganz besonders, wenn man die coole Licht- und Feuershow sieht, die die Jungs heute mit am Start haben. Schon beim Opener „Ov Fire And The Void“, bei dem Nergal mit zwei brennenden Fackeln auf die Bühne kommt, lässt sich erahnen, wie stimmungsvoll die Show bei Dunkelheit hätte werden können. Aber sei`s drum. Auch so liefern die Polen eine heiße Show ab, bei der nicht nur die Besucher ins Schwitzen kommen. Auch bei den Jungs auf der Bühne ist das Corpsepaint leicht verlaufen. „Ora Pro Nobis Lucifer“ geht richtig gut ab und auch das folgenden „Conquer All“ wird mit lauten „Hey Hey“-Rufen begleitet. Danach gibt es dann die Live-Premiere von „God=Dog“ vom im Herbst erscheinenden neuen Album „I Loved You At Your Darkest“, welches mit Flammenwerfern und ordentlich Geballer zelebriert wird. Im weiteren Verlauf des Gigs spielen sich Behemoth dann quer durch die Bandgeschichte, bevor sie die unheilige Messe mit dem grandiosen „O Father O Satan O Sun“ abschließen.

„The Priest is back“. Sieben Jahre nach ihrem letzten Besuch in Wacken sind die Hardrock- und Metal-Urgesteine Judas Priest also wieder einmal auf dem Holy Ground zu Gast. Natürlich will sich das hier niemand entgehen lassen und so ist das Gelände rappelvoll, als Black Sabbath`s „War Pigs“ laut aus den Boxen dröhnt. Als Opener haben die Briten erwartungsgemäß „Firepower“ vom gleichnamigen aktuellen Album ausgewählt. Dabei kann die Band mit einer ziemlich fetten Lichtshow, einem geilen Bühnenhintergrund und fettem Sound aufwarten. Weiter geht es mit einer bunten Mischung aus Songs der gesamten Schaffensphase, die von der Band durchweg gut aufgeführt werden. Der für den an Parkinson erkrankten Glenn Tipton eingesprungene Andy Sneap macht einen sauberen Job an der Gitarre und Halford ist heute stimmlich verdammt gut drauf. Leider kommen die Jungs für meinen Geschmack aber trotzdem nicht so richtig aus dem Quark. Das Ganze wirkt irgendwie statisch und zu choreografiert. Gerade Halford singt die meiste Zeit nach unten gebeugt und ohne viel Interaktion mit dem Publikum. Und auch bei den Fans dauert es etwa eine halbe Stunde, bis sie auf Temperatur kommen. Erst „Turbo Lover“ sorgt für etwas mehr Stimmung vor der Bühne.

Zum Ende hin wird es allerdings noch einmal richtig gut. Bei „Hell Bent For Leather”, zu welchem natürlich auch eine Harley auf der Bühne präsentiert wird, geht es noch mal ab und mit dem bärenstarken „Painkiller“ verabschieden sich Judas Priest zunächst. Und als Sahnehäubchen gibt es dann in der Zugabe noch die All-Time-Klassiker „Metal Gods“, „Breaking The Law“ und „Living After Midnight“, zu denen sich auch Glen Tipton noch einmal seine Gitarre umhängt. Und so verlassen die Fans das Gelände selig zu den Klängen von Queen`s „We Are The Champions“.

Freitag

Der Freitag beginnt direkt mit einer schweren Entscheidung, denn während Amorphis die Faster Stage beackern, dürfen auf der Louder Stage ihre Landsleute von Dark Tranquillity ran. Letztere sind kurzfristig für die verhinderten Sons Of Apollo eingesprungen. Daher diese blöde Zeitüberschneidung. Da wir Amorphis kürzlich noch auf dem Rockharz gesehen haben, fällt unsere Entscheidung daher zugunsten von Dark Tranquillity aus, was sich auch als durchaus gut erweisen soll. Bei Sonnenschein, ausgewogenem Sound und einer sehr gut aufgelegten Band wird der heutige Gig zu einer feinen Metalparty. Sänger Mikael Stanne ist sehr agil und interagiert gut mit dem Publikum, und auch der Rest der Band scheint ordentlich Spaß zu haben. Die Setlist liegt schwerpunktmäßig auf dem aktuellen Album „Atoma“. Mit „The Wonder At Your Feet“ vom 2000er Output „Haven“ oder dem schnellen „Final Resistance“ vom 2002er-Album „Damage Done“ haben es auch ein paar ältere Songs auf die Setlist geschafft, was bei den Fans bestens ankommt. Abgeschlossen wird der durchweg solide Gig mit dem wunderschön melancholischen „Misery’s Crown“.

Auf der Harder Stage ist danach die Stimmung bestens, als Korpiklaani die Fans mit ihrem Humppa Metal begeistern. Von Anfang an kreisen fröhliche Circle Pits über den Holy Ground und lassen den Staub hochwirbeln. Da kommen die kleinen Windböen genau richtig, um für etwas Abkühlung zu sorgen. Ansonsten geben aber sowohl Fans wie auch die Band so richtig Gas und machen Party, Party, Party. Dabei haben Korpiklaani heute eine sehr ausgewogene Setlist mit Songs von nahezu jedem Album dabei. Zum Höhepunkt kommt es aber natürlich zum Schluss, als die Finnen mit „Happy Little Boozer“, „Tequila“, „Beer Beer“ und „Vodka“ noch eine feucht fröhliche Feier beschwören. Danach ist dann aber endgültig Schluss.

Vom finnischen Humppa geht es nun zu niederländischem Symphonic Metal. Epica mit ihrer reizenden Sängerin Simone Simons sind insgesamt richtig gut drauf und nehmen das Publikum von Anfang an mit. Keyboarder Coen Jansen zeigt sich dabei heute als äußerst agil. Nicht nur, dass er wieder mal wie wild mit seinem beweglichen Keyboard von rechts nach links über die Bühne fegt, auch zu einem kurzen Crowdsurf-Ausflug ins Publikum lässt er sich hinreißen. Nachdem der Start in den Gig mit „Edge Of The Blade“ schon einmal bestens gelungen ist, animiert Simone ihre Fans bei „The Essence Of Silence“ zum Springen, was diese auch nur zu gerne machen. Es folgen weitere Knaller wie „Victims Of Contingency“ oder „Unchain Utopia“, die allesamt mächtig abgefeiert werden. Mit „Cry For The Moon“ vom 2003er- Debüt „The Phantom Agony” beweisen Epica aber auch eindrucksvoll, dass sie auch die ruhigeren Stücke perfekt inszenieren und rüberbringen können. Es ist schon imposant, wenn plötzlich tausende Menschen gemeinsam die Refrainzeile „…Forever And Ever“ singen. Beim letzten Song „Consign To Oblivion“ geht es dann mit Wall Of Death und Circle Pits aber noch einmal richtig ab, bevor dieser gute Gig zu Ende geht.

Schandmaul beweisen, wie schon auf dem Rockharz, dass sie im Moment durchaus in der Lage sind, eine wilde Metalmeute zu bespaßen. Sänger Thomas ist bestens aufgelegt und hat seine Fans voll im Griff. Mit einer bunten Stafette aus Songs, die weitestgehend der vom Rockharz-Gig entspricht, veranstalten Schandmaul eine lustige Folk Party, zu der vor der Bühne gesprungen, geklatscht und gesungen wird. Egal ob „Der Hoffnarr“, „Vogelfrei“ oder „Der Teufel…“, zu welchem die Band wieder ihr übliches „Hände über dem Kopf hin und her bewegen“-Spiel am Start haben, alles wird auf dem richtig gut gefüllten Infield derbe abgefeiert. Natürlich darf auch heute die klare Absage an Hass und Rassismus nicht fehlen und wird mit „Bunt Und Nicht Braun“ treffend untermauert. Eine Besonderheit des heutigen Gigs ist allerdings, dass die Folkrocker von der Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengberger unterstützt werden, indem sie die Texte in Gebärdensprache übersetzt. Wenn das mal nicht gelebte Inklusion ist. Ganz großes Kino. Abgeschlossen wird der Gig dann mit einer wilden „Walpurgisnacht“, zu der sich auch wieder riesige Circle Pits vor der Bühne drehen und der obligatorischen Schmalz-Nummer „Dein Anblick“. Toller Auftritt.

Children Of Bodom brauchen dann eine Weile, bis der Sound so richtig sitzt. So gehen Alexi Laihos Gitarrenspiel sowie ein großer Teil des Gesangs beim Opener “Are You Dead Yet” fast komplett in der sonst sehr massiven Soundwand unter. Auch die Fans lassen sich zunächst noch etwas bitten, doch schon beim zweiten Song “In Your Face” zeigt sich das gewohnte Bild. Es wird kräftig gemosht, die Circle Pits drehen sich über den Platz und eine Welle aus Crowdsurfern folgt auf die nächste. Beim an fünfter Stelle stehenden “Angels Don’t Kill” hat die Hate Crew dann auch endlich den Sound in den Griff bekommen, und so entwickelt sich dieser Gig zu einem echten Highlight. Alexi ist verdammt gut aufgelegt und peitscht das Publikum mit seinen üblichen “Fuck that fucking fuck”-Ansagen mächtig an, was dieses mit einem fetten Moshpit und einer mächtigen Staubwolke beantwortet. Bei so viel Energie wundert es auch nicht, dass die in die Menge geworfenen schwarzen Wacken-Bälle im Nu entweder platt oder in den Weiten der norddeutschen Tiefebene verschwinden. Die Setlist lässt indes bis auf das Fehlen des All-Time-Klassikers “Bodom After Midnight” wenig Wünsche offen. Mit “Downfall” und dem abschließenden “Towards Dead End” geht man sogar zurück bis aufs “Hatebreeder”-Album. Alles in allem also ein cooler Gig.

Ein echtes Highlight sind dann Nightwish. Mit einer großen Batterie voller Feuer und Pyros sowie beeindruckenden Licht- und Videoeffekten liefern die Symphonic-Metal-Urgesteine eine bärenstarke Show ab. Bereits das Eröffnungsdoppel aus “End Of All Hope” und “Wish I Had An Angel” geht mächtig ab und deutet an, wo die Reise heute hingeht. Die Truppe um Mastermind Tuomas Holopainen hat eine “Memory”-Show mit vielen alten Klassikern dabei und gibt damit schon einmal einen Vorgeschmack auf die im Herbst anstehende “Decades”-Tour. Das kommt bei den Fans natürlich bestens an, und so ist die Stimmung sehr gelöst, ja fast schon euphorisiert. Auch Frontfrau Floor Jansen ist super aufgelegt, bestens bei Stimme und überglücklich über ihr neues Bühnenoutfit, in dem sie aussieht wie Xena die Kriegerprinzessin aus der gleichnamigen Fernsehserie. Auch Bassist und Zweitsänger Marco Hietala ist bestens bei Stimme, ergänzt Floor bei Stücken wie “I Want My Tears Back” oder “Slaying The Dreamer” eindrucksvoll mit seiner rauhen und markannten Stimme und macht dabei eine ziemlich gute Figur. Den Höhepunkt des gesamten Auftritts bildet aber das grandiose “Ghost Love Score”, bei dem die Band noch einmal alles aus sich herausholt und so manchem eine Gänsehaut bescheren. Auch das abschließende, in Auszügen gespielte “The Greatest Show On Earth” ist noch einmal ein echter Ohren- und Augenschmaus. Troy Donockley glänzt wieder einmal an der Flöte und der Uillean pipe, während sich im Hintergrund auf der Videoleinwand langsam die monumentale visuelle Untermalung aufbaut. Sicher eines der Highlights des diesjährigen Wacken Open Airs und für den Schreiber dieser Zeilen Grund genug, sich ein Ticket für die “Decades”-Tour im Herbst zu besorgen.

Running Wild stellen sich dann als Meister der Mittelmäßigkeit dar. Wo andere Headliner große LED-Wände und abgefahrene Lichteffekte auffahren, machen Running Wild bis auf ein paar Pyros mal so gar nichts. Nicht mal für ein vernünftiges Backdrop hat es gereicht. Dafür gibt es zumindest musikalisch wenig zu meckern. Mit „Fistful of Dynamite“ und „Bad To The Bone” hat man aber auch gleich zwei absolute Knaller an den Anfang des Gigs gepackt, was natürlich gut ankommt. Dazu sind Rock’n‘Rolf und seine Mannen heute gut aufgelegt und scheinen Bock zu haben. Rolf scherzt beizeiten mit dem Publikum und veranstaltet ein kleines Schreispiel, was mehr oder weniger gut ankommt. Bejubelt wird dann die Ansage, dass das Album „Port Royal“ in diesem Jahr seinen 30ten Geburtstag hat. Zur Feier des Tages bekommen die Fans dann auch direkt drei Songs („Raging Fire“, „Uaschitschun“ und natürlich „Port Royal“) von eben jenem Album spendiert. Zum Ende hin flacht der Gig aber leider zusehends ab und Running Wild können eigentlich nur noch mit „Under Jolly Roger“ am Ende des regulären Gigs punkten. Warum man dann „Stick To Your Guns“ vom aktuellen Album „Rapid Foray“ als letzten Song der Zugabe ausgewählt hat, weiß wohl nur Rock’n‘Rolf selber.

In Flames zeigen dann im Anschluss, wie man es richtig macht. Zumindest wenn man sich die Licht- und Pyroshow ansieht. Wie bereits vor ein paar Wochen auf dem Rockharz Festival, haben die Schweden auch hier wieder ihre opulente Lichtshow inklusive riesiger LED-Wand und Videoscreens mit dabei. Und im Gegensatz zum Rockharz-Auftritt funktioniert auch die Feuershow einwandfrei. Was die Setlist angeht, verschießen In Flames ihr Pulver aber leider auch hier wieder viel zu früh. „My Sweet Shadow“, „Pinball Map“ oder „Cloud Connected“ gehen mächtig ab und auch Anders Friden macht am Gesang eine etwas bessere Figur als zuletzt. An alte Glanztage kommt er aber auch heute nicht heran. Da sich abzeichnet, dass In Flames im zweiten Teil ihres Auftritts eine ähnlich langweilige Show, wie auf dem Rockharz spielen werden, mache ich mich auf den Weg zur Louder Stage, wo ein gewisser Ostfriese aus Emden seinen Klamauk zum Besten gibt.

Und bei Otto und die Friesenjungs ist es überraschend gut besucht, um nicht zu sagen, knackevoll. Wie mir von einem Zuschauer berichtet wird, musste aufgrund des großen Andrangs zwischenzeitlich sogar der Eingang zur Louder Stage geschlossen werden, sodass der geneigte Hörer den Umweg über den Haupteingang nehmen musste. Der Weg soll sich aber lohnen, denn der mittlerweile 70jährige Komiker ist bestens aufgelegt und unterhält seine Gäste mit Coverversionen bekannter Rockgrößen und natürlich seiner Eigenkompositionen wie „Dänen lügen nicht“ oder „Zehn kleine Ottifanten“. Die Zuschauer spenden brav Beifall, schunkeln und genießen das ein oder andere Kaltgetränk. Insgesamt ein rundum gelungener Auftritt, der mit dem „Friesenjung“ einen würdigen Abschluss findet.

Die letzte Messe des Abends wird dann aber von Ghost gelesen. Die Band ist aktuell ziemlich angesagt und so verwundert es auch nicht, dass sich selbst um 1:45 Uhr noch eine ordentliche Menschenmenge vor der Harder Stage einfindet. Und die Fans werden für ihr Stehvermögen belohnt. Schon der Anblick des Bühnenaufbaus ist beeindruckend. Die überdimensionale Kirchenkulisse überragt die maskierten Ghouls ebenso wie Sänger und Frontprediger Papa Emeritus alias Cardinal Copia und versprüht eine sakrale Grundstimmung. Darauf aufbauend liefert die Truppe in ihren eleganten schwarzen Fracks eine eigenwillige, aber technisch sehr geile Show ab, die von den Fans der Band ordentlich abgefeiert wird. Sowohl Sänger, wie auch die Nameless Ghouls beherrschen ihre Instrumente einwandfrei und verstehen es, die Zuschauer mit ihrer Performance zu begeistern. Um kurz vor drei ist dann aber endgültig Schluss für heute und die letzten verbliebenen Headbanger begeben sich müde aber glücklich zur Ruhe.

Samstag

Nach einer Runde Metal-Yoga, der im Übrigen sehr amüsant zu betrachten ist, beginnt der letzte Festivaltag traditionell mit den US-Power-Metallern Riot V, die auf der Louder Stage ein ordentliches Feuerwerk abbrennen. Zu bester Frühschoppenzeit und bei herrlichem Sonnenschein schmeckt das Kaltgetränk da gleich doppelt so gut. Die Meute vor der Bühne ist zwar durchaus überschaubar, die Stimmung passt dafür aber. Mit gleich sechs Nummern des 1998er-Albums „Thundersteel“ gehen die Mannen um Sänger Todd Michael Halls ins Rennen und zelebrieren den 30ten Geburtstag des Albums damit eindrucksvoll. Vom aktuellen Output „Armor Of Light“ haben es mit „Victory“ und dem sackstarken „Angel’s Thunder, Devil’s Reign“ dann zumindest noch zwei Songs auf die Setlist geschafft, die von den Fans aber ebenfalls mit reichlich Pommesgabeln und Beifall beantwortet werden. Den Abschluss dieses durchweg gradlinigen und souveränen Auftritts bildet dann „Warrior“ vom 1977er-Riot-Debütalbum „Rock City“, was vor der Bühne noch einmal für zustimmendes Headbangen sorgt.

Weiter geht es ein paar Meter weiter links auf der Harder Stage, wo Wintersun ihre Fans in die tiefen Wälder Skandinaviens entführen. Mit „Awaken From The Dark Slumber (Spring)“ wird schon einmal die notwendige Grundstimmung erzeugt. Passenderweise ziehen auch ein paar Wolken vorbei, sodass der atmosphärisch angelegte und recht verspielte Longplayer ein wenig die sonst an diesem Wochenende unbarmherzig herniederbrennende Sonne vergessen lässt. Für viele Wacken-Besucher scheint das am Samstagmittag dann aber doch etwas zu schwere Kost zu sein, denn das Gelände ist nur mäßig gefüllt und selbst direkt vor der Bühne sind noch jede Menge Lücken zu finden. Mastermind Jari Mäenpää lässt sich davon aber nicht beirren und jagt mit „Battle Against Time“ direkt eine schnelle und zugleich die mit sieben Minuten kürzeste Nummer des Gigs hinterher, um seine Fans bei Laune zu halten. Die danken es mit ausgestreckten Armen, Pommesgabeln und vereinzelten Mosphits. Auch „Sons Of Winter And Stars“ kann überzeugen. Nach dem Frühling kommt bekanntlich der Sommer. So ist es auch bei den „Forest Seasons“. Also noch einmal eine knappe Viertelstunde anschnallen und „The Forest That Weeps (Summer)“ auf sich wirken lassen. Die Jahreszeiten Herbst und Winter sparen sich die Finnen dann und beenden diesen doch ziemlich eigenwilligen Gig mit „Time“. Hier bleibt insgesamt ein gemischter Eindruck zurück. Einen einstündigen Gig mit lediglich fünf überlangen Songs zu bestreiten ist schon etwas merkwürdig. Da bleiben Showelemente und Interaktion mit dem Publikum heute leider doch etwas auf der Strecke.

Night Demon sind ja nun schon seit einiger Zeit kein Geheimtipp mehr, spielt die Truppe um Frontmann und Basser Jarvis Leatherby in letzter Zeit eine Show nach der anderen. Trotzdem hat sich eine recht überschaubare Menge im Bullhead-City-Zelt eingefunden, als die Jungs ihren fulminanten Gig mit „Welcome To The Night“ vom aktuellen Longplayer „Darkness Remains“ beginnen. Sofort bricht vor der Bühne Jubel aus und es werden ordentlich die Matten geschwungen. Auch auf der Bühne wird ordentlich gefeiert. Leatherby und sein Counterpart an der Gitarre Armand John Anthony posen, was die 80er hergeben, rennen auf der Bühne von links nach rechts und machen mächtig Stimmung. Die Kalifornier prügeln einen Hit nach dem nächsten durch, und da hält auch das beste Material nicht stand. Beim abgefeierten „The Chalice“ klingt das sonst souveräne Schlagzeugspiel von Dusty Springs plötzlich merkwürdig. Der Grund dafür: eine durchgetretene Bassdrum. Doch davon lassen sich die Jungs nicht beirren und überbrücken den Zwischenfall mit dem schlagzeuglosen Beginn von „Darkness Remains“, während die Drum ausgetauscht wird. Zum Schluss gibt es dann noch „Night Demon“ und den Iron Maiden-Klassiker „Wasted Years“, die dieses Konzert gelungen abrunden.

Als sich der letzte „Hotter than Hell“-Nachmittag des diesjährigen Wacken Open Airs dann so langsam seinem Ende entgegen neigt, sammeln sich die Arch Enemy-Fans vor der Faster Stage und werden dort mit Motörheads „Ace Of Spades“ begrüßt, was schon einmal für gute Laune sorgt. Als dann jedoch das druckvolle und mit reichlich Pyros bestückte „The World Is Yours“ aus der PA knallt, kennt der Jubel keine Grenzen mehr. Sofort bricht vor der Bühne ein gewaltiger Moshpit los und auch die Bühnencrew hat wieder Hochkonjunktur. Und so spielen sich Arch Enemy durch eine energiegeladene Setlist, in der sich Klassiker an Klassiker reiht. Frontfrau Alissa White Gluz macht dabei wieder einmal eine richtig gute Figur und bringt auch Songs der Angela-Gossow-Ära wie „Nemesis“ oder „Ravenous“ richtig gut rüber. Wer jemals einen Zweifel daran hatte, dass diese Frau das Erbe von Angela Gossow antreten könne, ist spätestens jetzt überzeugt.

Und damit kommen wir auch schon zum Headliner und wohl bestem Gig des diesjährigen Wacken Open Airs. Helloween sind mit ihrer Pumpkins United Tour unterwegs und haben heute sage und schreibe zweieinhalb Stunden Zeit, das große Treffen der alten und neuen Kürbisköpfe zu feiern. Schon das Robbie Williams-Intro „Let Me Entertain You“ macht klar, wohin die Reise heute geht. Gibt es eine Bombenshow mit viel Entertainment? Und genauso ist es. Mit dem opulenten „Halloween“ starten Hansen, Kiske und Co. in ihren Auftritt und versprühen dabei eine ungemeine Spielfreude. Im Hintergrund wird die ganze Show von einer coolen Videoshow untermalt, in der sich die Band mit kleinen Cartoons aus dem Helloween-Kosmos immer wieder auch ein bisschen selbst auf die Schüppe nimmt. Neben verdammt vielen Klassikern aus der Keeper-Ära wird zwischendurch auch ein bisschen Deris-Material zum Besten gegeben. „Are You Metal?“ fragt der sympathische Frontmann das Publikum und bekommt ein lautstarkes „Yeah“ entgegengeschleudert. Fans der ersten Stunde freuen sich dann allerdings wohl eher über das Kai-Hansen-Medley aus „Starlight“, „Ride The Sky“ und „Judas“. Auch das geniale Schlagzeugsolo, bei dem sich Drummer Daniel Löble ein virtuelles Battle mit dem verstorbenen Ingo Schwichtenberg liefert, wird von den Fans derbe abgefeiert. Hier passt heute wirklich alles. Der Sound ist klasse, das Licht bombastisch und die Jungs auf der Bühne sind super aufeinander abgestimmt. Da hat man wirklich das Gefühl, dass hier alte Freunde zusammen Musik machen. Doch auch der schönste Auftritt muss einmal zu Ende gehen. Zuvor geben die Hamburger in den beiden Zugabeblöcken dann aber noch einmal alles. „Eagle Fly Free“ und das epische „Keeper Of The Seven Keys” bilden dabei den ersten Block. Der zweite Zugabenblock gipfelt nach einem Hansen-Solo dann in den unsterblichen Klassikern „Future World“ und „I Want Out“, bei welchem auch noch lustige Kürbis-Wasserbälle in die Menge geschleudert werden. Den finalen Schlusspunkt setzt dann aber das große Feuerwerk, welches sich nach der Show über der Harder Stage in den klaren Wacken-Nachthimmel erhebt. So kann man einen Gig und auch ein Festival wunderbar beenden.

Abschließend lässt sich sagen, dass das Wacken Open Air auch in diesem Jahr wieder viel Spaß gemacht hat. Fast alle Bands haben geile Shows abgerissen, Sound und Licht waren weitestgehend gut bis sehr gut und auch das Drumherum hat gestimmt.

Die Auswahl an Speisen und Getränken war wieder einmal gigantisch und auch die Abfertigung an den unzähligen Food- und Getränkeständen lief meist zügig und problemlos. Mit dem Cashless Payment System hat man zudem ein gutes System geschaffen und auf die Ansprüche des immer internationaler werdenden Publikums reagiert. Langfristig wird man aber wohl in Wacken nicht an der Möglichkeit zur Bezahlung mit Kreditkarte an allen Getränkeständen herumkommen. Aber auch da sind die Wacken Macher neuen Dingen ja immer sehr aufgeschlossen gegenüber. Nicht umsonst gab es in diesem Jahr sogar ein Zelt für E-Sports. Ob man das auf einem Metal Festival allerdings braucht, sei mal dahingestellt.

Die sanitäre Situation war, soweit wir das beurteilen können, zufriedenstellend. Die Tatsache, dass es in unserem Duschcamp bis zum Freitagmorgen kein warmes Wasser gab, kann wohl als Manko betrachtet werden, störte aber bei den diesjährigen Temperaturen keinen so wirklich. An den kostenlosen Wasserstellen auf dem Infield bildeten sich gerade nachmittags mitunter recht lange Schlangen, die Wartezeit hielt sich aber zumeist doch in Grenzen.

Auch die Stimmung sowohl auf dem Infield, dem Wackinger, dem Biergarten oder auch auf dem Zeltplatz waren nicht zuletzt wegen des geilen Wetters durchweg positiv und friedlich. Hier hat sich eine internationale Metal Community von ihrer besten Seite gezeigt.

Im nächsten Jahr feiert das Wacken Open Air dann seinen 30ten Geburtstag. Vom 01.-03.08.2019 heißt es dann wieder „See You In Wacken – Rain Or Shine“. Und das hoffentlich wieder mit mehr „Shine“ als „Rain“! Die ersten Bands stehen auch schon fest. „Airbourne“, „Avatar“, „Dark Funeral“, „Demons & Wizards“, „Krokus“, „Meshuggah“, „Parkway Drive”, “Powerwolf”, “Rose Tattoo”, “Sabaton” und “Within Temptation” werden dann den Acker mit vielen weiteren Band gemeinsam ordentlich umpflügen. Die schlechte Nachricht für alle, die noch kein Ticket habe ist allerdings, dass das Spektakel bereits jetzt ausverkauft ist.

 

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