Festivalbericht – Wacken Open Air

Wacken 2017-2

Jedes Jahr Anfang August spielt sich in dem kleinen Örtchen Wacken in Schleswig-Holstein das gleiche Schauspiel ab. Zehntausende Metalheads aus aller Welt strömen zusammen und verwandeln die umliegenden Wiesen für ein paar Tage in das internationale Zentrum des Heavy Metal. So auch in diesem Jahr. Schon mehrere Tage vor der offiziellen Eröffnung wird auf den Campingflächen gefeiert und getrunken. So fand unser kleines Heavy Stage Force-Team bei seiner Anreise am Mittwoch auch bereits eine ausgelassene Stimmung und gut gelaunte Festivalbesucher vor.

Mittwoch

Die Anreise gestaltete sich in diesem Jahr aufgrund der vielen Baustellen auf der A7 und der A23 als eine echte Herausforderung. Und auch beim Befüllen der Koppeln gab es einige Verzögerungen. Natürlich hatte es im Vorfeld des Festivals wieder einmal geregnet, sodass die Wege schon am Mittwoch einigermaßen mitgenommen aussahen. Alles in Allem waren die Bodenverhältnisse aber noch in Ordnung. Also schnell das Camp eingerichtet und zur ersten Band, die schon auf der Headbangers Stage auf uns wartete.

Nachdem Jeff Waters und seine Mannen von Annihilator das Zelt schon einmal ordentlich zum Kochen gebracht haben, geht es dann bei den Boomtown Rats zunächst ein ganzes Stück ruhiger zu. Das ist aber auch wenig verwunderlich, kann man doch davon ausgehen, dass der überwiegende Teil der Besucher bis auf „I Don’t Like Mondays“ noch kein einziges Lied der Truppe gehört hat. Und so ist die Stimmung im Zelt auch eher beobachtend, als der charismatische Frontman Bob Geldof auf die Bühne kommt und sofort versucht, die Meute für sich zu gewinnen. Spätestens nach seinem genialen Mundharmonika-Solo gelingt ihm das auch, und die Zuschauer tauen langsam auf. Auch Geldofs Lobhymnen auf Blues-Ikone John Lee Hooker werden vom Publikum bejubelt. Lediglich seine Aussage, er sei mehr Metal als das gesamte Wacken Open Air, stößt dann doch nicht so sehr auf Gegenliebe. Nichtsdestotrotz wird der Auftritt der Boomtown Rats zu einem vollen Erfolg, was zu einem großen Teil auf die klasse Bühnenakrobatik des fast 66-jährigen Geldofs zurückzuführen ist. Tolle Performance alter Mann! Auf dem Weg zurück zum Zelt mache ich noch kurz vor der Wackingerbühne halt, auf welcher Versengold gerade eine amtliche Party abfeiern. Es ist richtig voll und die Stimmung bombig. Da schmeckt der Gute-Nacht-Met doch umso besser.

Donnerstag

Am Donnerstag sorgt dann ein vielleicht 15-minütiges übelst heftiges Regenschauer dafür, dass sämtliche Anti-Schlamm-Maßnahmen der Veranstalter quasi für die Katz waren. Innerhalb kürzester Zeit bilden sich auf dem Gelände große Pfützen und die Wege verwandeln sich in morastige Güllegruben, die ohne Stiefel quasi nicht passierbar sind. Außerdem hat man schon nach wenigen Metern das Gefühl, das dreifache Gewicht seiner Schuhe mit sich herumzuschleppen. Und nach dem Erreichen der Wacken Plaza hat man auch schon wieder direkt den Nationalpark Wackenmeer vor sich. Aber sei’s drum, in Wacken ist man dieses Wetter ja bereits gewohnt. Beim Betreten des Infields fallen die neuen Banner über den drei Hauptbühnen auf, welche in diesem Jahr neue Namen bekommen haben. Ab sofort heißen die Bühnen, passend zum Wacken Motto, „Faster“, „Harder“ und „Louder“. Außerdem wurden zusätzliche Delay-Türme aufgestellt, was vor allem in den hinteren Reihen für einen deutlich besseren und lauteren Sound sorgt. Darüber hinaus wirkt das Gelände etwas aufgeräumter und weniger zugestellt mit Getränkewagen als in den vergangenen Jahren, was wohl auf die neue Bierpipeline zurückzuführen ist. Und auch die Bierpreise wurden wieder einmal angepasst. In diesem Jahr allerdings nach unten. Bezahlte man im letzten Jahr noch 3,50 € für einen 0,3l-Becher, so ist man nun wieder mit 4,00 € pro 0,4l dabei. Das ist sicherlich immer noch recht teuer, aber bei Veranstaltungen dieser Größenordnung wohl schon fast normal. Ansonsten ist eigentlich alles beim Alten. Also schnell eine Gerstenkaltschale organisiert und mit Ross The Boss alte Manowar-Klassiker feiern.

Leider ist der Auftritt des Altmeisters gar nicht so gut. Das Gelände ist mäßig gefüllt und die Stimmung eher durchschnittlich. Die Mitsingparts sind relativ leise und werden nur sporadisch mitgesungen. Auch der Sound ist insgesamt eher mau. Das hat im vergangenen Jahr auf dem Headbangers Open Air deutlich besser funktioniert. Dabei ackert die Band auf der Bühne recht ordentlich. Selbst Sänger Marc Lopes, der in die großen Fußstapfen von Mike Cotoia tritt, macht seine Sache mehr als ordentlich.  Wahrscheinlich ist vielen Wacken-Besuchern überhaupt nicht bewusst, wer Ross The Boss ist. Womöglich können viele auch nichts mit den frühen Manowar-Hymnen anfangen. Das wäre zwar extrem traurig, aber durchaus eine mögliche Erklärung für die etwas lahme Vorstellung. Auch die ziemlich gekünstelte Ehrung von Ross Friedmann für sein langjähriges Engagement im Heavy Metal kommt müde und uninspiriert rüber. Das hätte man besser machen müssen.

Bei Europe ist es dann schon ein ganzes Stück voller auf dem Gelände, und die Schweden können sich über eine zum Feiern aufgelegte Menge freuen. Doch auch die Truppe um Frontmann Joey Tempest scheint Bock auf die Show zu haben. Während des gesamten, bunt gemischten Sets wird das Publikum immer wieder zum Mitmachen animiert und auch sonst eine gute Show auf der Bühne abgeliefert. Nachdem man zunächst mit neuerem Material des 2015er Albums „War Of Kings“ loslegt, sorgt der 1986er Hardrock-Klassiker „Rock The Night“ zum ersten Mal für richtig Begeisterung vor der Bühne. Der Höhepunkt des insgesamt sehr kurzweiligen Gigs ist aber ohne Frage der gefeierte Doppelpack aus „Superstitious“ und „The Final Countdown“ zum Ende des Auftritts. Hier geben Band und Publikum noch alles und machen damit schon einmal richtig Lust auf die dann folgenden Status Quo.

Weiter geht es mit einer ordentlichen Portion Hardrock von Status Quo. Dabei ist es schon etwas bewundernswert mit welcher Energie und Enthusiasmus die alten Herren um Sänger und Gitarrist Francis Rossi ans Werk gehen. Die Band scheint auf jeden Fall mächtig Spaß zu haben, was sich auch ruckzuck auf das Publikum überträgt. Wenn man sich umschaut, blickt man fast durchweg in fröhliche Gesichter und locker umherhüpfende Menschen. Richtig laut wird es dann bei „In The Army Now“, das von den Zuschauern aus vollen Kehlen mitgegrölt wird. Und natürlich hat man sich die Band-Überhits „Whatever You Want“ und „Rockin All Over The World“ für das Ende aufgehoben, um noch einmal alle zu mobilisieren. Das klappt natürlich auch einwandfrei, sodass der Auftritt als voller Erfolg gewertet werden kann.

Von Accept wird heute einiges erwartet, hatten die Jungs doch im Vorfeld eine großartige und ganz besondere Show angekündigt. Entsprechend fulminant starten die Jungs dann auch mit „Die By The Sword“ vom aktuellen Album „The Rise Of Chaos“. Mit „Restless And Wild“, „Pandemic“ und dem ebenfalls neuen Stück „Koolaid“ folgen noch ein paar Stücke in gewohnter Besetzung, bevor es experimentell wird. Sänger Mark Tornillo verlässt die Bühne und überlässt Gitarrist Wolf Hoffman die Regie. Unterstützt von einem großen Symphonieorchester präsentiert die Combo nun ein ausgiebiges Instrumentalset. Das ist zwar einerseits ganz cool, dauert für die meisten Besucher aber viel zu lang, sodass nicht wenige das Gelände nach einer guten halben Stunde verlassen. Erst zum Ende des Auftritts kann die Band das Publikum wieder einfangen und mit Klassikern der Marke „Princess Of The Dawn“, „Metal Heart“ und dem unkaputtbaren „Balls To The Walls“ noch eine ordentliche Metalparty feiern.

Trotz der eher durchschnittlichen letzten Scheibe „Seal The Deal & Let’s Booge“ (2016) stehen Volbeat derzeit immer noch hoch im Kurs und können auch eine recht ansehnliche Menge vor die Bühne locken. Mir persönlich fehlt es da aber viel zu sehr an Intensität und Authentizität. Zum Glück ist die PA aber so laut, dass man auch am Zeltplatz noch alles gut mitbekommt und sich so zumindest ein eigenes Bild von der Songauswahl machen kann. Die Band setzt vorwiegend auf neuere Stücke und vernachlässigt sträflich die Frühphase ihres Schaffens. Von den ersten zwei Alben schaffen es lediglich „Soul Weeper“ und das Johnny Cash-Cover „Sad Man’s Tongue“ auf die Setlist. Und so bleibt nur das nüchterne Fazit, alles richtig gemacht zu haben als man den Campingstuhl der Schlammkuhle vor der Bühne vorgezogen hat.

Freitag

Auch am Freitagmorgen sieht es auf dem Infield immer noch so aus, als wäre gerade Ebbe an der deutschen Nordseeküste. Trockene Erde oder gar Rasen, Fehlanzeige. Doch davon lassen sich die Fans von Lacuna Coil nicht irritieren, und so ist die Harder Stage für diese Uhrzeit auch schon recht gut bevölkert, als die Italiener auf die Bühne kommen. Sofort merkt man der Band an, dass sie Bock auf den Gig hat, und so werden Klassiker wie „Heaven’s A Lie“ oder das Depeche Mode-Cover „Enjoy The Silence“ von den Fans lautstark mitgesungen. Besonders gut macht sich da auch der glasklare und deutliche Sound, der Cristinas Stimme gut herauskommen lässt. Auch Stücke des aktuellen Albums „Delirium“ (2016) kommen gut an und werden abgefeiert. Ebenso gefeiert wird „Nothing Stands In Our Way“, bei dem Cristina immer wieder dazu aufruft, den Mittelfinger in die Luft zu strecken und laut den Text „I Fear Nothing“ mitzusingen. Das wird natürlich nur zu gerne gemacht. Auf jeden Fall ein schöner Start in den Tag. Weiter geht es auf der Louder Stage, wo sich Clawfinger über ein erstaunlich gut gefülltes Gelände freuen können. Mit ihrem Backdrop, auf welchem zu lesen ist: „Rap Metal since 1993“, machen sie schon einmal deutlich, dass hier wirklich alte Hasen am Werk sind. Und das merkt man den Herren auch sofort an. Professionell und routiniert zieht Sänger Zak Tell die Masse auf seine Seite. Da kann auch der plötzlich einsetzende Regen die Stimmung nicht trüben und wird vom Frontmann stumpf mit der Ansage „Fuck The Fucking Rain“ begegnet, was vom Publikum natürlich lautstark beantwortet wird. Und so liefert Clawfinger eine klasse Show ab, die gekonnt mit dem Bandhit „Do What I Say“ zu Ende gebracht wird.

Zelte haben ja die vorteilhafte Eigenschaft, dass sie den Regen abhalten. Was liegt da also näher, als mal einen Blick in das Bullhead-City-Zelt zu werfen. Hier legen gerade die Kanadier von Skull Fist einen enorm energiegeladenen Gig hin, womit sie das feuchtschwüle Klima im Zelt noch weiter anheizen. Den Leuten scheint es aber auf jeden Fall zu gefallen und so wird vor der Bühne eine gewaltige 80er Jahre Heavy-Metal-Party gefeiert. Dabei können sich die Zuschauer neben einem guten Sound und gutem Licht über eine spielstarke Band freuen, die sichtlich Spaß hat und mit dem letzten Song „Head Öf The Päck“ einen ziemlich coolen Auftritt beendet. Im Anschluss daran wird es ziemlich kitschig, als die Glam-Metaller Kissin Dynamite die Bühne entern. Sofort bricht großer Jubel aus, als Sänger Hannes Braun zu „Highlight Zone“ vom aktuellen Album „Generation Goodbye“ ansetzt. Gesanglich hat der Mann echt was auf dem Kasten, auch wenn die Bühnenperformance manchmal etwas übertrieben wirkt. Aber das gehört hier wohl dazu. Auch im weiteren Verlauf des Gigs wird auf der Bühne gepost, geflaxt und herumgealbert, was auch vor der Bühne für Stimmung sorgt. Mit ihrer ungezwungenen Art macht die Band aber auch enorm viel Spaß. Zwischenzeitlich wird noch eine Lanze für den Vater von Gitarrist Jim Müller gebrochen, der aus Buttenhausen in Baden-Württemberg gemeinsam mit drei Freunden unter dem Motto „666 Miles to Wacken“ zu Fuß angereist ist. Das ringt den Fans natürlich Respekt ab und so gibt es ordentlich Applaus. Abgeschlossen wird der kurzweilige Auftritt dann mit dem rockigen „I Will Be King“, zu dem noch einmal alles gegeben wird.

Bei Saltatio Mortis sind vor der Harder Stage tatsächlich einige Lücken im Infield zu sehen. Das liegt aber wohl eher daran, dass sich dort immer noch seenartige Pfützen befinden, als dass es den Mittelalterrockern an Zulauf mangeln würde. Auch die Stimmung ist gut und so werden die ersten Stücke „Früher war alles besser“, „Idol“ und vor allem „Prometheus“ schon einmal gut abgefeiert. Der obligatorische Ausflug in den „Zirkus Zeitgeist“ wird ebenfalls gut angenommen, bevor sich die Fans über eine Instrumentalsession mit „Skudrinka“ und „Totus Floreo“ freuen können. Beim dann folgenden „Eulenspiegel“ teilt Frontmann Alea dann die Menge und veranstaltet einen kleinen Sängerwettstreit, der für Laune sorgt. Und natürlich lässt er es sich auch nicht nehmen, eine Runde zu crowdsurfen. Dieses Mal allerdings zu „Rattenfänger“, da es „Falsche Freunde“ heute nicht auf die Setlist geschafft hat. Bei bester Stimmung wird dann zu „Koma“ noch kräftig gesprungen und zum Ende der „Spielmannsschwur“ zelebriert. Und weil den Fans das dann immer noch nicht reicht, gibt es als Zugabe noch das „Spiel mit dem Feuer“. Und damit geht ein gelungener Auftritt zu Ende. Weiter geht es mit Paradise Lost auf der Louder Stage, wo es bis zum FOH-Turm richtig gut gefüllt ist, als Nick Holmes und seine Mannen die Show eröffnen. Sofort bricht großer Jubel beim Publikum aus und der düster groovige Opener „No Hope In Sight“ wird mit reichlich Pommesgabeln, Klatschen und Kopfnicken begleitet. Es folgt eine bunte Setlist mit reichlich Klassikern wie „Pity The Sadness“, „One Second“ oder „Say Just Words“. Sogar „Gothic“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1991 gibt es heute zu hören. Neben alten Songs haben die Briten aber auch gleich zwei Songs vom neuen Album „Medusa“ im Gepäck. Auch diese kommen gut an und ganz besonders die zweite Singleauskopplung „Blood And Chaos“, welche heute ihre Live-Premiere feiert, geht richtig ab. Insgesamt liefern die Jungs einen sackstarken Gig ab und machen damit ordentlich Werbung für das neue Album und die im Herbst anstehende Tour.

Auch Fates Warning legen später auf der Wet Stage einen beeindruckend überzeugenden Auftritt hin. Bei einem richtig guten und ausgewogenen Sound sowie einer eindrucksvollen Lichtshow entführen uns die Progmetaller aus Connecticut scheinbar in eine andere Welt. Dabei ist Sänger Ray Alder stimmlich über jeden Zweifel erhaben und transportiert die stimmungsvollen Songs mit viel Gefühl und hinterlässt damit auf so manchem Zuschauergesicht ein wohliges Grinsen. Auch die ausgeklügelten Gitarrensoli kommen bestens durch und werden von einem auf den Punkt gespielten Schlagzeug unterstützt. Was die Songauswahl angeht, so liegt der Schwerpunkt klar auf dem neuen Album „Theories Of Flight“, was den meisten Besuchern im Zelt gut zu gefallen scheint. Ganz besonders das eingängige „Seven Stars“ wird ordentlich abgefeiert. Und auch wenn man sich vielleicht den ein oder anderen Song der Frühphase gewünscht hätte, so bleibt am Ende doch die Erkenntnis, hier gerade einen der musikalisch besten und anspruchsvollsten Auftritte des gesamten Festivals gesehen zu haben. Während Fates Warning das Bullhead-Zelt ordentlich zum Kochen gebracht haben, hat sich auch der Platz vor der Harder Stage bis zum Vorplatz gefüllt. Alle freuen sich auf das Mega-Date und warten gespannt auf den Gig von Megadeth. Nach einem kurzen Intro geht es dann auch schon los und eine Klassiker-Stafette bestehend aus „Hangar 18“, „Wake Up Dead“ und „In My Darkest Hour“ knallt aus den Boxen. Es folgt eine bunte Mischung aus alten und neuen Songs, die an sich für jeden Zuschauer etwas bieten sollte. Leider kommt das Ganze aber irgendwie uninspiriert rüber. Mastermind und Frontmann Dave Mustaine schaut zumeist recht genervt drein oder verliert sich in, für meinen Geschmack, etwas zu sehr selbstverliebte Gitarrensoli. Auch Zweitgitarrist Kiko Loureiro spielt seine Parts zwar grundsolide, aber halt eine ganze Ecke zu steril. Erst als vor der Bühne einige Mädels ihre nackten Oberkörper präsentieren, scheint sich die Stimmung etwas zu lösen. Insgesamt bleiben die Emotionen aber eher auf der Strecke und die Band begnügt sich anscheinend damit, einen soliden und musikalisch sauberen Gig gespielt zu haben, als eine ausgelassen Metalparty zu feiern. Daran kann dann auch das opulente Ende aus „Symphony Of Destruction“, „The Mechanix“, „Peace Sells“ und der Zugabe „Holy Wars… The Punishment Due“ nichts mehr ändern.

Und nun meine Damen und Herren kommen wir zum größten musikalischen Reinfall des Festivals. Sicherlich sind Geschmäcker verschieden und nicht jeder Wacken-Headliner begeistert jeden Besucher gleichermaßen, aber normalerweise verstehen es die Headliner in Wacken, das Publikum zu begeistern und schaffen es, ihren Gig zu etwas Besonderem zu machen. Aber dass ein Großteil der Besucher das Infield bereits nach dem dritten Song fluchtartig verlässt, habe ich noch nicht erlebt. Doch der Reihe nach. Es ist 0:30 Uhr und die Slotmashine neben der Faster Stage kündigt Marilyn Mason an. Sofort bricht großer Jubel vor der Bühne aus und alle warten gespannt. Doch zunächst passiert erst einmal überhaupt nichts. Nach schier endlosen Minuten des Wartens folgt dann das Intro, welches ebenfalls noch einmal mehrere Minuten dauert und währenddessen die Bühne nach allen Regeln der Kunst eingenebelt wird. Plötzlich ist auch das erste Gitarrenriff hörbar und eingefleischte Fans erkennen möglicherweise auch den ersten Song „Revelation #12“. Vom „Antichristen“ Manson ist bis dahin noch nichts zu sehen. Weiter geht es mit „This Is The New Shit“ und „Disposable Teens“. Mittlerweile haben sich auch die Nebelschwaden von der Bühne verzogen und der feine Herr lässt sich blicken. Leider ist das Erste, was ich bewusst wahrnehme, wie der vermeintliche Schock-Rocker sein Mikro vollkommend entnervt quer über die Bühne pfeffert, weil es anscheinend nicht richtig funktioniert. Mir reicht es an dieser Stelle und ich mache mich auf den Weg zum Mittelaltermarkt, um das Ganze mit einem Met runterzuspülen. Auf dem Weg dorthin bleibe ich allerdings am Ausgang stecken, da anscheinend noch viele anderen Zuschauer ein ähnliches Bedürfnis haben. Allesamt sind maßlos enttäuscht von der grottenschlechten Leistung von Marilyn Manson. Wie ich im Nachhinein erfahre, wird es im Verlauf der Show noch obskurer. Von vollkommen überflüssigen „Anfeuerungsrufen“ eines Groupies auf der Bühne „…eh geht mal richtig ab! Ihr klingt wie auf einem Kindergeburtstag“ bis dahin, dass Manson zwischendurch minutenlang regungslos auf dem Boden liegt, wird keine Peinlichkeit ausgelassen. In diesem Sinne Prost!

Zum Glück gibt es danach in Form von ASP noch etwas Wiedergutmachung für die gescholtenen Zuschauer. Dabei ist auf dem Infield noch richtig gut was los, wenn man bedenkt, dass es bereits 2:00 Uhr nachts ist. Von Anfang an hat Sänger Alexander „Asp“ Frank, der stimmlich einmal mehr voll auf der Höhe ist, die Meute voll unter Kontrolle. Bereits der Opener „Schwarzes Blut“ und vor allem die Textzeile „Vorwärts-Abwärts“ werden laut mitgegrölt und gefeiert. Dieser Frontmann hat einfach eine unglaubliche Ausstrahlung und versteht es, eine ganz besondere Beziehung zu seinem Publikum aufzubauen. Da darf man auf dem Wacken Open Air auch mal was gänzlich Unmetallisches wie die neue Single „20.000 Meilen“ spielen, ohne gleich als „untrue“ zu gelten. Deutlich mehr nach vorne geht aber natürlich der fast schon als Stampfer zu bezeichnende „Wechselbalg“, welcher heute gekonnt vom Iron Maiden-Klassiker „Hallowed Be Thy Name“ eingeleitet wird. Zum Ende des Gigs wird bei „Ich bin ein wahrer Satan“ und „Ich will brennen“ noch einmal alles gegeben, bevor es am Ende mit „Umrissmann“ noch mal einen Ausflug zum 2016er Album „Verfallen – Folge 2 Fassaden“ gibt.

Samstag

Der Samstag startet mit einer mächtigen Portion kitschigem Power Metal von Twilight Force. Zu einem bombastischen Intro stürmen die bunt verkleideten Protagonisten die Bühne und werden dabei von ihren Fans lautstark begrüßt. Vom ersten Song an kocht die Stimmung im Bullhead-Zelt und sowohl Band wie auch Zuschauer haben jede Menge Spaß. Das zeigt sich nicht nur an der tollen Gesangsleistung von Frontman Chrileon, der sich gefühlt einhundert Mal dafür bedankt, dass so viele Menschen gekommen sind, auch die Gitarristen flaxen herum und rennen wie wild auf der Bühne hin und her. So vergehen die 45 Minuten Spielzeit wie ich Fluge und finden im obligatorischen „Power Of The Ancient Force“ ihren grandiosen Abschluss. Auch bei Max & Igor Cavalera ist die Stimmung gut. Die beiden Brüder zocken heute das komplette „Roots“-Album durch und machen dabei eine richtig gute Figur. Immer wieder heizt Max das Publikum an und animiert zum Springen, Klatschen und Singen. Neben dem All-Time-Klassiker „Roots Bloody Roots“ gehen dabei vor allem „Ratamahatta“ und „Born Stubborn“ richtig ab. Zum Ende zollt die Band dann noch einmal Black Sabbath mit „Iron Man“ und Motörhead mit „Ace Of Spades“ Tribut, was ebenfalls gut ankommt. Insgesamt ein solider Auftritt, der überwiegend freudige Metaller zurücklässt. Powerwolf zelebrieren auf dem Holy Wacken Ground dann einmal mehr die „Einzig wahre Heavy Metal Messe“: na, wenn das mal nicht gut zusammenpasst. Und als hätte der Heavy-Metal-Gott endlich ein Erbarmen mit den Wackingern, kommt sogar die Sonne heraus. Sänger Attila Dorns Ansagen kommen heute deutlich cooler und weniger gekünstelt rüber, als schon auf früheren Gigs. Das steht der Show insgesamt gut zu Gesicht und sorgt für einen flüssigen, kurzweiligen Durchlauf. Die Setlist ist aber auch wieder einmal gespickt mit allem, was das Powerwolf-Herz begehrt. Von „Blessed And Possessed“ über das witzige „Coleus Sanctus“ bis hin zu „Resurrection By Errection“ wird daher auch alles abgefeiert, was die Wölfe ihren Fans vorsetzen. Auch das Singspiel zu „Werewolves Of Armenia“ klappt wieder einmal einwandfrei. Und nachdem dann der Segen verteilt ist, geht der klasse Auftritt mit „We Drink Your Blood“ auch standesgemäß zu Ende.

Irgendwie wünscht man sich, dass Marilyn Manson noch da ist und zuschaut, als Alice Cooper die Bühne betritt. Der 69-jährige beweist heute nämlich eindrucksvoll, wie man eine geile Horrorshow aufzieht. Vor einem prall gefüllten Infield zockt Cooper sich gekonnt durch sein mit Hits gespicktes Programm. Es dauert zwar ein paar Songs bis die Fans so richtig warm werden, aber spätestens bei „Poison“ hat es auch den letzten Zuschauer gepackt und die Stimmung nähert sich dem Siedepunkt. Neben der Musik hat die Show aber auch optisch viel zu bieten. Mit ausgefallenen Kostümen und einer skurrilen Story der Marke „Rocky Horror“ weiß die Truppe auf der Bühne zu überzeugen. Das Highlight ist natürlich wieder die Guillotine, die Coopers Kopf am Ende sauber vom Körper trennt. Das abschließende „Schools Out“ wird dann noch ein wenig mit Pink Floyds „Another Brink In The Wall“ garniert und weil’s so schön ist, gibt es als Zugabe dann noch einmal „Ace Of Spades“ von Motörhead. Im Gegensatz zu der rumpeligen Cavalera-Version hier allerdings deutlich originalgetreuer und mit Bassist Chuck Garric am in Lemmy-Manier aufgestellten Mikro. So muss Rock ’n’ Roll sein. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Kaum hat Alice Cooper die Bühne verlassen, da fallen auch schon die Wikinger in Form von Amon Amarth in Wacken ein. Schon der Opener „Pursuit Of Vikings“ hat es mächtig in sich, sorgt für Bewegung im Pit und ruft jede Menge Crowdsurfer auf den Plan. Das Bühnenbild ist wieder einmal genial. Nachdem man das Wickingerschiff der vorangegangenen Tour eingemottet hat, thront nun ein übergroßer Wikingerhelm als Drumraiser auf der Bühne. Dazu hat man wechselnde Backdrops mit den jeweils zum Song passenden Plattencover im Gepäck. Und was wäre eine Amon Amarth-Show ohne reichlich Feuer und Pyros. Johan Hegg und seine Mannen machen heute wahrlich keine Gefangenen und feiern einmal mehr eine amtliche Wickingerparty. Egal ob „The Way Of Vikings“, „Father Of The Wolf“ oder „Death In Fire“, alles wird nach allen Regeln der Kunst abgefeiert. Bei „Raise Your Horns“ erstrecken sich dann bis zum Vorplatz die Pommesgabeln in die Höhe. Weibliche Unterstützung bekommt Amom Amarth dann bei „A Dream That Cannot Be“, bei welchem die Metal Queen Doro höchstpersönlich mitträllert. Das epische Ende folgt dann in der Zugabe mit „Twilight Of The Thundergod“, zu welchem im Hintergrund ein überdimensionaler Drache aufgefahren wird, was neben der musikalischen Klasse auch noch einmal ein optisches Ausrufezeichen setzt. Richtig geil.

Den Headliner-Slot besetzt heute Tobias Sammets All-In Star Projekt Avantasia. Wie auch beim letzten Wacken-Auftritt vor drei Jahren, kann die Truppe um den Edguy-Fronter mit einem imposanten Bühnenaufbau, wechselnden Backdrops und einer insgesamt geilen Show aufwarten. Dazu gibt es eine stimmungsvolle Lichtshow, weitestgehend guten Sound und einen gut aufgelegten Tobias Sammet, der immer einen coolen Spruch auf den Lippen hat. Leider fehlen heute Michael Kiske und Ronnie Atkins, die schmerzlich vermisst werden. Zwar macht Herbie Langhans seine Sache als Kiske-Vertretung (unter anderem bei „Reach Out For The Light“) ganz ordentlich, irgendwie fehlt aber das Besondere. Eric Martin scheint zwischenzeitlich ein paar Texthänger zu haben, sodass Tobi einspringen muss. Großartig ist hingegen „Seduction Of Decay“ mit Geoff Tate.  Während der Ansage zu „Let The Storm Descends Upon You“ legt sich Tobi mal wieder mit den vor der Faster Stage wartenden Kreator-Fans an, was die irgendwie überhaupt nicht so lustig finden. Also muss er nach dem Song noch einmal etwas die Wogen glätten und erklären, dass er und Mille gute Freunde sind, und das alles nur Spaß sei. Das große Finale der Show bildet dann wieder einmal das „Sign Of The Cross/Seven Angels“-Medley, zu dem noch einmal alle Gastmusiker auf der Bühne stehen. Und mit dem anschließenden Feuerwerk, welches hinter der Bühne abgefeuert wird, geht das Wacken Open Air 2017 dann stilvoll zu Ende.

Für die ganz Harten liefern Kreator dann noch eine Runde Abriss bevor Eric Fish die letzten Anwesenden mit seinem obligatorischen „Hallo Feunde“ zu Subway To Sally begrüßt und das Festival damit endgültig beendet. Da wir aber beschlossen haben, aufgrund des Wetters und der schlechten Bodenverhältnisse am Sonntag früh morgens zu fahren, erleben wir beide Auftritte nur akustisch und bruchstückhaft aus dem Zelt.

Insgesamt gesehen war das Wacken Open Air wieder mal eine Reise wert. Ganz besonders die Auftritte von den Boomtown Rats, Status Quo, Paradise Lost und Amon Amarth werden noch eine Weile im Gedächtnis bleiben. Auch organisatorisch gab es wenig zu meckern. Sicherlich hat die Drainage im Inflield nicht den gewünschten Effekt gehabt und einige Ecken sahen auch übel aus, aber ansonsten ist man dem Matsch weitestgehend gut Herr geworden. Die Wartezeiten am Einlass und den Getränke- und Essensständen waren durchweg ok und auch die Security war immer freundlich und zuvorkommend. Die Diskussion über das immer weiter ausufernde Rahmenprogramm, den Festivaltourismus und die Frage, ob das noch Metal ist, spare ich mir allerdings an dieser Stelle. Das sollte jeder für sich selbst entscheiden.

 

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Bunt is das Dasein. Und Granatenstark. Volle Kanne Hoschi.

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