Whores Of Metal VI 29.09.2018 - Herford, Stedefreunder Krug

Whores of Metal VI

„Huren des Metal“ – was für ein Name. Am Stadtrand von Herford, wo es schon fast wieder in die ostwestfälische Tundra übergeht, soll dieser musikalische Gangbang in einer alten Kneipe über die Bühne gehen.

Im Stedefreunder Krug ist die Zeit wirklich stehen geblieben. Der letzte Innenarchitekt dürfte hier um 1973 gewütet haben. Sogar das Männchen an der Tür zum Herrenklo trägt noch Schlaghosen. Die Bühne, die sich im kleinen Festsaal befindet, schießt allerdings den Vogel ab. Die Wände sind mit Erfurter Raufaser tapeziert, der Boden mit grauem Teppichboden verlegt, der wie ein Vorwerk-Testparcours aussieht. Hinter dem, in einem grün-weißen Union Jack lackiertem Schlagzeug, befindet sich sogar eine Tür in Eichenoptik mit gelben Glaseinsätzen. Es sieht aus wie bei Onkel Erwin im Wohnzimmer. KULT!!! Zur optischen Untermalung stehen 4×4 LED-Scheinwerfer, zwei auf der Bühne, zwei vor der Bühne, bereit. Dazu blaue Lichtleisten, die die Tapete beleuchten, zwei Schwarzlichtröhren am Bühnenrand und zwei Nebelmaschinen, die nach Vanille(!!!!) duftenden Bühnennebel erzeugen. Sachen gibts!

Trace Your Own Shadow, die hier auch abgekürzt als TYOS auf der Running Order stehen, haben die Aufgabe des ungefähr eine halbe Stunde zu spät anfangenden Anheizers. Ihr groovender Death Metal beginnt aber zunächst mit Soundproblemen, welche sich im Verlauf des Sets aber zum Glück bessern. Beim Song „The Sign“ gibt es dann sogar einen kleinen Abstecher in den Melo Death, und beim Cover „Deny“ einer mir unbekannten Band wird aus dem geplantem Duett dann doch ein flotter Dreier, da sich der Originalsänger jener mir unbekannten Band im Publikum befindet und kurzerhand sich ebenfalls auf die Bühne wuchtet. Alles in allem ein solider erster Gig.

Statt auf Musik aus der Konserve setzt man hier in der Umbaupause auf Bespaßung lyrischer Art und Weise. Im Schankraum kann man dem Kolumnist Micha-El Goehre lauschen, der einige seiner launigen Beiträge wiedergibt, die er im Laufe der Zeit in Magazinen und Büchern veröffentlicht hat, und seine humorvolle Sicht auf die Metalszene. Auf einem umgedrehten Herforder-Pils-Kasten hat er einen Zettel mit der Aufschrift „Main Stage“ geklebt, um hier mal klar zu machen, wer hier der Star des Abends ist. Seine humorvollen Anekdoten sorgen auch dafür, dass ich später am Merch statt einer CD oder einem T-Shirt tatsächlich eines seiner Bücher kaufe. Ist mir auch noch nie passiert.

Auf der „Nebenbühne“ geht es mit Death Metal weiter. Soulgate holzen jetzt durchs Bühnenwohnzimmer. Die Jungs spielen einen sehr klassischen Todesblei ohne Schnörkel. Dass sie sich dabei nicht sehr ernst nehmen, zeigt der Gitarrist perfekt mit einem Einhorn-T-Shirt mit Death-Metal-Aufschrift, das sehr wahrscheinlich aus dem EMP-Bestand kommt, und der große „Für Behinderte“ Aufkleber, der auf dem Griffbrett des Basses pappt. Doch holzen sie gut durch ihren Set.

Micha-El Goehre die zweite. Diesmal liest er uns einen Auszug aus dem Tagebuch eines Black Metallers vor und sinniert über unkommerzielle Festivals.

Doom! Nichts anderes liefern uns Dust. Dazu hat man dem Klischee passend die Backline umgebaut und alle Verstärker bis auf zwei gegen Basstieftöner der Marke SunO))) ausgetauscht. Ihr Frontmann, der beachtliche 1,90 groß und eine entsprechende Präsenz ausstrahlt, hat eine beachtliche Stimme, die so gar nicht zu seinem kauzigen Äußerem dafür aber zur vernebelten Musik passt. Leider sind einige der Songs dann doch etwas zu langatmig, was das Ganze streckenweise etwas dröge macht. Aber die gelungene Mischung aus Drone, Melodie und Geschwindigkeitsvariablen macht das Ganze zu einem guten Auftritt.

Aller guten Dinge sind drei. Micha darf noch mal ran. Dieses Mal gehts um Bands und ihre finalen Touren und die Frage, ob die Scorpions den Begriff einer Farewell-Tour denn überhaupt kennen sowie über die Rolle des weiblichen Geschlechts in der Szene.

Eine krude Mische aus Hardcore und Thrash Metal tischen Nagasaki 45 (Der Name funktioniert in englisch und in deutsch) auf. Nach fast 10 Jahren Bühnenabstinenz treten sie hier erstmals wieder auf. Mit ihrer Bassistin wird auch die Frauenquote eingehalten. Ihr Frontmann switcht zwischen den Songs in den sympathischen Modus während er im Verlauf der Songs wie ein Irrer randaliert. Die Band bekommt sogar ihr eigenes Schlagzeug, was optisch allerdings nicht so viel hermacht wie der grüne Union Jack. Nach gut 45 Minuten endet dann auch der letzte Gig um halb zwei Uhr morgens. Jetzt noch ’ne Stunde nach Hause fahren, na toll. Trotzdem sollten solche kleinen Festivals am Leben gehalten werden. Support your local Wohnzimmerstage.

Bericht: Inquisitor
Fotos: Dark Angel

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