Exit Smashed + Human Derbis + Status Abnormis + Coraxo

Dass man auf der Reeperbahn mehr erleben kann als nur oberflächliches Amüsement, bewiesen am vergangenen Samstag gleich vier Metalbands unterschiedlicher Richtungen. Die Finnen von Coraxo starteten ihre kleine, lautstarke Europa-Tour im „Der Clochard“, wo „man den Abend eher beendet als beginnt.“*

Passend dazu verschiebt sich der für 22 Uhr bereits recht spät angesetzte Beginn um eine weitere Stunde nach hinten, bevor die Jungs von Exit Smashed mit ihrem „finest Thrash Metal since Jesus died“ den Auftakt machen. Und das eindrucksvoll! Schnell, hart und mit einer dicken Portion Humor haben sie das Publikum in Windeseile auf ihrer Seite. Der Sänger – eine echte Bühnensau – muss bereits beim zweiten Song das Shirt wechseln, während er die meiste Zeit auf der als Abgrenzung zur „Bühne“ fungierenden Holzbank verbringt. Dort begleitet er die harten und thrashigen Gitarrenriffs mit schnell wechselndem tiefen und hohen Growl-Gesang, präsentiert mit einer ordentlichen Portion Hardcore-Performance. Ein durchaus gelungener Einstieg.

Nach kurzer Pause im ersten Stock der Reeperbahn 29 „wo das Bier billiger ist als irgendwo sonst“, betreten die Hamburger Human Debris die Bühne – wobei sowohl Drummer, als auch einer der Gitarristen damit bereits ihren zweiten Auftritt an diesem Abend abliefern (Respekt dafür!). Die erste Besonderheit ist die erste und einzige Frau an diesem Abend, die seit knapp einem Jahr den Gitarristen am Mikrofon ablöst. Sie macht jedoch vom ersten Augenblick an mehr als deutlich, dass sie ihre männlichen Kollegen sowohl in Sachen Performance, vor allem aber hinsichtlich Gesang noch durchaus übertreffen kann. Vergleiche mit Bands wie Arch Enemy drängen sich regelrecht auf, aber Sound/Stimme und die Darbietung stellen die Genre-Kollegen schlicht in den Schatten. Durchaus ernster, aber vor allem nochmal deutlich aggressiver wird feinster Melodic Death Metal präsentiert, den das Publikum gebührend zu feiern weiß und zum ersten Pogo-Tanz des Abends verleitet. Ein Auftritt, der definitiv Vorfreude auf das bald erscheinende neue Album „Life Off Formation“ macht.

Soundtechnisch deutlich dreckiger und bezüglich Performance erkennbar statischer geht es weiter mit den Finnen von Status Abnormis. Mit ihrem Gemisch aus „deranged Industrial“ und Thrash Metal können diese aber weit weniger Leute auf ihre Seite ziehen, als dies bei den Lokalhelden zuvor noch der Fall war. Sichtlich bemüht präsentieren die Nordlichter ihren düsteren, typisch finnischen Sound vom aktuellen Album „Amor Fati“, welcher jedoch das Niveau der ersten beiden Bands nicht mehr ganz halten kann. Ihre Einflüsse von Bands wie Emperor, Morbid Angel und Strapping Young Lad sind zwar deutlich, sie können aber qualitativ nicht ganz mit diesen mithalten. So bleibt der Auftritt zwar unterhaltsam, kann aber nicht vollends überzeugen.

Vermutlich auch der Uhrzeit geschuldet – es ist mittlerweile zwei Uhr nachts – hat sich „Der Clochard“ schon deutlich geleert als die Headliner von Coraxo mit ihrem „refreshing metal from the cold north“ beginnen. Wirklich „refreshed“ wirkt es jedoch leider nicht mehr und ihr Avantgarde Death Metal hinterlässt eher einen eintönigen Eindruck. Der Clubbesitzer, der die meiste Zeit des Abends auf der Bank an der Bühne verbringt, muss zwischendurch sogar vom Sänger geweckt werden. Zwar sind die Jungs durchaus sympathisch, aber der zu leise Gesang und eine lustlos (oder müde?) wirkende Band kann leider wenig begeistern. So verwundert es nicht das der beste Song des Sets der war, bei dem die Sängerin und der Gitarrist von Human Debris gastierten. Diese Eindrücke müssen vor allem die überraschen, denen das Coraxo-Debüt „Neptune“ ein Begriff ist – denn auf Platte wissen die Jungs durch Innovation und Abwechslungsreichtum durchaus zu überzeugen.

„Ich bin mir sicher, es ist in jedem Falle einer der besten Orte zum Trinken, die man finden kann.“ Und nicht nur das: „Der Clochard“ ist auch definitiv einer der interessantesten Orte für Konzerte, mit einem ganz eigenen Charme, wenn auch nicht immer der besten Soundqualität. Doch ist nicht allein diesem Umstand geschuldet, dass dieser Abend mal wieder deutlich macht: der Headliner muss nicht automatisch die beste Band des Abends sein.

* Die Zitate über den Club selbst stammen von Tina Uebel und dem Buch „Kneipenbummel“

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