Vogelfrey – Nachtwache VÖ: 25.10.19, Metalville, Folk Metal

Vogelfrey - Nachtwache

Hamburg ist mit seiner Reeperbahn und den Rotlichtvierteln für seine Sündhaftigkeit bekannt. Kein Wunder, dass es die Ganoven und gruseligen Gesellen hierher verschlägt. Haben sich eben in diesen Spelunken sechs Galgenvögel gefunden und ihren Pakt mit einem „Wiegenfest“ im Jahr 2010 besiegelt, warten sie nun in den dunklen Gassen St. Paulis. Wenn es finster wird im Hafen Hamburgs, laden diese Narren euch ein, im bunten Treiben zu singen und zu tanzen. Lasst euch verführen und geht einmal mit Vogelfrey auf „Nachtwache“.

Große Worte legen sich mit dieser Einleitung zum neuen Vogelfrey-Silberling auf das Album. Doch auf große Worte sollten auch stets große Taten folgen. Dafür bietet der Opener „Ära Des Stahls“ den passenden Stoff. Es ist die musikalische Einladung auf ein Abenteuer zu gehen, sei es real oder träumerisch. “Lass alles liegen, besteig’ den Olymp, reite nach Asgard” – Du kannst alles schaffen.

Dies ist eine schöne Message in klanglich vorbildhaftem Mittelalterrockgewand. Ein astreiner Ohrwurm, mit der gewohnten Härte der Hamburger. Eben kein normaler Mittelalterrock, sondern kerniger, krachender Folk Metal. Und wo wir schon beim Metal sind, möchte ich euch direkt den zweiten Titel der Scheibe vorstellen. „Schüttel Dein Haupt“ ist Vogelfreys Hommage an die Szene: Ein Lied über Mettrinken und Headbangen. Auch hier ist das Ohrwurmpotenzial hoch, doch gehört der Titel für mich zu den schwächeren des Albums.

Bei „Magst Du Mittelalter?“ haben sich die sechs Hamburger Unterstützung von Chris Harms, dem Gothrocker von Lord Of The Lost, geholt. Auch hier sind wir wieder bei einer Hommage, sei sie dieses Mal für die Mittelalterszene gedacht. Pluspunkte kann der Titel durchaus in seiner musikalischen und textlichen Umsetzung holen. Schade finde ich allerdings, dass der Anteil von Harms im Titel sehr gering gehalten wird.

Mit „Metamnesie“ schafft man es hingegen, direkt am letzten Album „In Ekstase“ anzuknüpfen. Der Song über den Morgen nach der Party passt hier wie die Faust aufs Auge. Da braucht es nur noch eins: Pulle an den Hals und weiter geht die Party. Hier erkennt man vorzugsweise auch, wie die Vogelfrey es immer wieder schaffen, ihrem Stil treu zu bleiben ohne dabei abgedroschen zu klingen.

Auf der Hälfte des Albums erwartet uns mit „Sündenbock“ ein wirklich sehr geniales und sehr gut durchdachtes Lied. Musikalisch erinnert es leicht an das „Blutgericht“ vom Debütalbum, so wird dem Hörer alsbald ein Lied vorgeführt, das die momentane politische Lage in Deutschland nur zu gut beschreibt. In jeder einzelnen Zeile hagelt es hier Gesellschaftskritik und das zu einem Lied, das sich wirklich ins Gehör brennt.

Ohne groß nachdenken zu müssen, allein für diesen Song lohnt sich „Nachtwache“ schon, doch bleibt gespannt… Denn so versucht man sich bei „Alptraum“ an den finsteren Tönen. Musikalisch klingt es nach einem Crossover aus Mittelalter mit leichten Neue-Deutsche-Härte-Einflüssen sowie einer kleinen Prise Gothic. Der Song schafft es auf jeden Fall, eine geniale Stimmung aufzubauen, die er bis zum Ende aufrecht erhält. Es ist eine Gruselgeschichte, die sich gekonnt zu Stücken wie zum Beispiel „Mondsucht“ vom letzten Album gesellen könnte.

Vom letzten Album machen wir wieder einen kleinen Zeitsprung zum Debütalbum der Hamburger. Der ein oder andere mag sich noch an die Hymne „Waffenbruder“ erinnern. Die Geschichte über zwei Freunde, die einander in der Schlacht gegen die Templer verloren haben, bewegte damals schon die Herzen. Auf „Nachtwache“ haben wir ein kleines Spin-of, wie man heute so neumodern sagt, wenn man meiner Interpretation folgen mag. So ist „Walhalla“ die Geschichte des gefallenen Freundes, der nun an der Seite Odins auf seinen Freund wartet, um mit ihm in den goldenen Hallen zu streiten.

Zum Feiern lädt uns dann „Midwinter“ wieder ein. Das Lied zum nordischen Fest bietet alles, was man zu einer guten Feierlaune braucht: Eine eingängige Melodie, ein guter Refrain, fetzige Gitarren und jede Menge Alkohol. Der Partyfaktor ist hier wieder ganz weit oben,  bis er bei „Spieglein, Spieglein“ wieder zu brachialer Gesellschaftskritik umschlägt.

Dieser Titel handelt über die Moderne mit ihren Smartphoneanhängern in einem mittelalterlichen Gewand. Sowas gelingt nur Vogelfrey. Ich hoffe doch nur, dass dieser Track den ein oder anderen wirklich mal zum Denken anregt. Doch ich möchte an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten, man sollte ihn hören, um es zu verstehen.

Der letzte Track auf „Nachtwache“ lässt mich nochmal zur Einleitung des Reviews springen. Denn mit ihrer Hymne „Auf St. Pauli“ schreiben die sechs Musiker ihrer Heimat ein kleines Liebesgedicht, das nicht nur zum Feiern auflegt, sondern auch wild und leicht schroff ist, wie eben die Seele St. Paulis selbst.

Kaum ein Mittelalterrockalbum schafft es so sehr, Elemente von Mittelalter und Moderne so zu verbinden, wie es den Hamburgern auf „Nachtwache“ gelungen ist. Ohne Abstriche wirkt das Album von der ersten bis zur letzten Note durchdacht oder anders gesagt, auf „Nachtwache“ merkt man ein weiteres Mal, dass diese sechs Musiker für ihre Musik brennen und hier nicht nur ein Mastermind am Werk ist. Jeder schafft es, sich auf seine Art und Weise in die Musik einzubringen und so erzeugt man gemeinsam ein künstlerisches Meisterwerk.

Homepage: www.vogelfrey.net

Tracklist:

01. Ära Des Stahls
02. Schüttel Dein Haupt
03. Magst Du Mittelalter?
04. Metamnesie
05. Sündenbock
06. Alptraum
07. Walhalla
08. Midwinter
09. Spieglein, Spieglein
10. Auf St. Pauli

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